Lange Zeit war Florian Hartenstein in Deutschlands höchster Spielklasse aktiv, ehe er als Trainer im Jugendbereich zu arbeiten begann. Dort begleitete er seinen talentierten Sohn Isaiah auf dem Weg zum Profibasketballer. Lange Zeit gehörten auch die Artland Dragons zu den Spitzenteams der BBL. Der Ausstieg ihres Hauptsponsors im Jahr 2015 war jedoch gleichbedeutend mit dem Zwangsrückzug aus der Beletage. Gerade so schaffte man es, einen Neustart in der PRO B in die Wege zu leiten. Inzwischen ist Florian Hartenstein Headcoach dieser Mannschaft. Zusammen soll es nun wieder zurück nach oben gehen: Die laufende Spielzeit schloss man als Erster ab und steht nun in den Play-offs um den Aufstieg in die PRO A.

Der Weg zum Basketballcoach

Flo, du warst als Spieler erfolgreich und jahrelang die Identifikationsfigur in Gießen. Wie schwer fiel dir der Schritt nach Quakenbrück zu gehen?

Ich hatte eine schöne Zeit in Gießen, wollte eigentlich nicht weg. Nicht nur weil ich Kapitän der Mannschaft war, fühlte ich mich dort sehr wohl. Ich hatte auch eine Familie mit zwei Kindern. Aber wenn sich das Management bzw. gewisse Strukturen ändern, dann muss man eben weiterziehen. Es war sicher nicht einfach. Letztendlich war es aber für mich eine gute Situation, denn ich hatte mit Thorsten Leibenath bei den Artland Dragons einen Trainer, den ich vorher schon in Gießen hatte. Somit konnte ich noch drei Jahre in Quakenbrück in der Bundesliga spielen.




Wolltest du nach deiner aktiven Karriere unbedingt Trainer werden oder hat dich dein Sohn Isaiah dazu gebracht?

Bereits in Gießen half ich in der Jugendarbeit mit. Von daher hatte ich schon Ambitionen langfristig als Trainer weiterzumachen. Auch in Quakenbrück übernahm ich im Sommer einige Jugendteams, weil es mir sehr viel Spaß macht mit Jugendlichen zu arbeiten. Nach meiner aktiven Karriere bekam ich dann die Chance auf eine Vollzeitstelle als Jugendcoach.

Du bist trotzdem noch ein relativ junger Trainer. Würdest du am liebsten nicht manchmal selbst noch auf dem Parkett stehen?

Nach 20 Jahren des aktiven Basketballs in der Jugend, am College und im Seniorenbereich meldet sich der Körper auch und sagt dir, was du zu tun hast. Bis letztes Jahr spielte ich auch noch in der 2. Regionalliga mit, wo ich Spielertrainer unserer Mannschaft war. Aber irgendwann ist der Körper eben müde So bin ich den Dragons sehr dankbar, dass ich die Chance als Headcoach erhalten habe.

2014 wurdest du mit den Young Dragons in der JBBL deutscher Meister und Trainer des Jahres. Welche Vorteile hat man als Coach, wenn man selbst aktiver Spieler war?

Prinzipiell kann man Trainer werden ohne jemals gespielt zu haben. Aber als ehemaliger Spieler hat man meiner Meinung nach ein anderes Spielverständnis in gewissen Situationen. Viele erfolgreiche Coaches haben selbst auf einem hohen Level gespielt.

Das Erfolgsrezept der Artland Dragons

Flo, kläre uns bitte mal auf: Warum haben die Spieler auf den großen Positionen oftmals Probleme mit dem Freiwurf und welche Geschichte kannst du dazu erzählen?

Hier spielen verschiedene Aspekte eine Rolle. Bei einem großen, kräftigen Spieler fehlt manchmal etwas die Feinmotorik. Zum Beispiel bei Shaquille O´Neal: Er hat sehr große Hände und der Ball wirkt dann wie ein kleiner Tennisball. Jeder Laie sollte erst mit einem Basketball werfen und anschließend mit einem Tennisball, dann kann man den Unterschied am besten nachvollziehen. Dann werden die Spieler nervös und schon sinkt die Quote. Ich habe selbst Freiwürfe wie ein Bekloppter in der Trainingshalle geübt, aber das hat nicht viel gebracht. Nach meiner Profikarriere wurde meine Quote nun besser, da die Muskulatur nicht mehr so extrem ausgebildet ist.

Du bist nun 14 Monate Headcoach der Artland Dragons. Was zeichnet euch in dieser Saison aus und für welchen Basketball steht ihr?

Wir haben es geschafft, eine gute Basketballkultur zu etablieren. Der Ball wird auf dem Parkett gut bewegt und taktische Anweisungen setzen meine Jungs gut um. Gerade am Ende der Saison konnten wir dadurch einige knappe Spiele für uns entscheiden, da wir unseren Basketball-IQ ausgenutzt haben. Zusätzlich ist diese Mannschaft eine Einheit. Es gibt kein Jung und Alt oder Deutscher und Ausländer. Nein, die Jungs spielen in ihrer Freizeit mehrmals in der Woche UNO zusammen. Auch durch solche Dinge wird der Teamspirit gefördert.




Ist es für euren Teamgeist förderlich, dass die Stadt Quakenbrück so klein ist?

Auf jeden Fall. In Quakenbrück gibt es nichts anderes außer Basketball. Wir zeigen jedem potentiellen neuen Spieler den Standort. Somit sieht er unseren eigenen Kraftraum und unsere Halle, die sieben Tage pro Woche 24 Stunden zugänglich ist. Diese Infrastruktur kann nicht einmal jeder Erstligist anbieten. Aber der Spieler sieht vor allem auch, dass man sich hier absolut auf den Basketball konzentrieren kann. Viele Spieler in der PRO A oder PRO B wollen sich noch weiterentwickeln und die jeweilige Liga als Sprungbrett nutzen.

Als Tabellenerster der Hauptrunde der PRO B Nord seid ihr jetzt Favorit in den Play-offs. Ist die Zeit nun reif für die PRO A?

Ich denke, wir können es schaffen. Die Mannschaft, die ich im Sommer zusammenstellen konnte, hat Potential. Aber es sind Play-offs. Und hier ist alles möglich. Wir sind letztes Jahr ebenfalls als Erster in die Play-offs und haben in der ersten Runde den Kürzeren gezogen.

Quakenbrück im Schockzustand

Gibt es einen langfristigen Plan? Wird man die Dragons eines Tages wieder in der BBL sehen?

Vieles hängt von den Sponsoren ab. Aktuell könnten wir sicher in der PRO A spielen. Weitere Pläne gibt es jedoch noch nicht. Allerdings ist der Sprung im Etat zwischen PRO A und Bundesliga schon sehr groß, so dass dies sehr schwierig wird.

Flo, wie hast du die damalige Situation wahrgenommen, als euer Großsponsor ausstieg und der Rückzug aus der BBL anstand?

Das war ein Schock für mich. Aber noch mehr für meinen Sohn, denn er gehörte das erste Jahr zum Bundesligakader der Artland Dragons. Er trainierte mit, sammelte erste wichtige Minuten, Punkte und Erfahrungen. Da die Jugendabteilung nicht vom Profiteam abhängig war, betraf es mich als Jugendtrainer nicht so sehr wie ihn.

Und wie hat das Quakenbrücker Umfeld das vorläufige Ende des Profibasketballs hingenommen?

Es herrschte ein Schockzustand. Denn Basketball ist hier die Nummer eins. Im weiteren Umkreis kommt sportlich gesehen erst Vechta mit Basketball und dann Osnabrück mit Fußball.

Ist die Last inzwischen auf mehreren Schultern, sprich Sponsoren, verteilt?

Wir haben eine gute Stabilität innerhalb der Organisation. Natürlich gibt es ein paar größere Sponsoren, aber die Last ist auf mehreren Schultern verteilt. Wir und auch die Sponsoren verfolgen zwei Aspekte: Den Jugendbasketball und den Profisport.

Familienspaß bei den Dragons

Flo Hartenstein mit Sohn Isaiah im Familienduell

80 Punkte pro Spiel

Flo, wann hast du erkannt, dass dein Sohn Isaiah viel Talent für diese Sportart mitbringt?

Das war schon relativ früh. An seinem ersten Camp nahm er mit vier Jahren teil, da war er bereits so groß wie ein Sechsjähriger. In der U10 bzw. U12 dominierte er die Spiele schon extrem. In einer Saison in der U12 machte er durchschnittlich 80 Punkte pro Partie. Er war schon mit viel Talent ausgestattet. Zudem ging er von alleine vier Stunden am Tag in die Halle. Ich musste ihn nie zwingen. Diese Mentalität findet man nicht oft. Basketball war sein einziges Hobby.

Warst du zu ihm als Trainer strenger als zu den anderen Jungs?

Absolut, das habe ich ihm auch immer gesagt. Es ist immer riskant ein Vater-Sohn-Verhältnis im Sport zu haben. Ich wollte keinesfalls den Spruch hören: Nur weil der Vater Trainer ist, spielt der Junge so viel. Beispielsweise durfte er in der JBBL-Meistersaison der Young Dragons nie mehr als 20 Minuten pro Spiel gehen. Dafür sollte er sich aber in der Zeit auf dem Parkett umso mehr verausgaben. Es gab auch Phasen, da durfte er nur den Ball passen, um ein besseres Spielverständnis und Respekt von seinen Mitspielern zu bekommen. Damit sollte er zeigen, dass er sich unterordnen kann und ein Puzzleteil des Ganzen ist.

Und wie ist damals das Engagement von Isaiah mit Zalgiris Kaunas zustande gekommen?

Über verschiedene Agenturen gab es unterschiedliche Verbindungen. Wir waren mehrmals in Barcelona und Kaunas und haben uns dort alles zeigen lassen. Natürlich hätte Isaiah auch nach Spanien gehen können. Dort ist es warm, das Meer liegt einem zu Füßen und es gibt viel zu sehen. Aber in Litauen konnte er aus unserer Sicht mehr und schneller lernen. Er konnte sich besser auf den Basketball konzentrieren, um sich somit für den nächsten Karriereschritt bestmöglich vorzubereiten. In Kaunas wurde er mental sehr stark. Das sieht man auch in der Nationalmannschaft, wo Isaiah mit seinen 19 Jahren mithalten kann.

Aktuell spielt dein Sohn bei den Rio Grande Valley Vipers in Texas. Vor ihm war auch Tim Ohlbrecht dort. Hat er sich vor dem Engagement Tipps von ihm geholt?

Nein, mit Tim Ohlbrecht hatten wir überhaupt keinen Kontakt. Nach dem Draft wurden wir von den Houston Rockets eingeladen. Sie haben uns alles gezeigt und uns deren Plan vorgestellt, wie sich Isaiah in Texas langfristig entwickeln könnte. Demensprechend konnten wir uns ein Bild von der Situation machen und mussten danach entscheiden, ob sein Weg über Europa oder über die G-League in die NBA führen soll. Da er durch die G-League näher an der NBA ist, haben wir uns für diesen Weg entschieden. Dort wird deutlich schneller als in Europa gespielt.




Familie gleich Basketball

Flo, wie oft bist du mit ihm noch in Kontakt?

Wir sind oft via Facetime in Kontakt und seine Spiele schaue ich mir meistens morgens in Ruhe in der Wiederholung an.

Und wie verbringt die Familie Hartenstein ihre gemeinsame Zeit? In der Trainingshalle oder als ganz normale Familie mit anderen Hobbies?

Wir sind sehr familienbezogen. Familie heißt bei uns aber auch wieder in die Halle gehen und Spaß haben. Außerdem kochen wir manchmal zusammen und wollen ihm die Zeit daheim so angenehm wie möglich machen. Wenn er im Sommer kommt, werden wir vermehrt in der Halle stehen. Aber bei kurzen Aufenthalten soll er nur entspannen. Vor den WM-Qualifikationsspielen war er vier Tage bei uns und begleitete die Artland Dragons zum Auswärtsspiel nach Itzehoe.

Was sagt der Vater Florian: Ist Isaiah schon bereit für den nächsten Schritt? Den Sprung in die beste Liga der Welt, der NBA?

Ich denke, er wird in der NBA sehr viel lernen. Wie viel Spielzeit er in der ersten Saison bekommen wird, muss man abwarten. Aber alleine schon dabei zu sein, ist wichtig. Und wenn er die Chance in der NBA bekommt, soll er sie wahrnehmen.

Wie stolz ist der Vater auf seinen Sohn?

Das kann man schwer in Worte fassen. Wenn man sieht, was er bis heute in seine Karriere investiert hat und vor allem auf wieviel Freizeit er verzichtet hat, dann macht es mich als Vater wahnsinnig stolz, dass Isaiah seinen Traum verwirklichen kann.

Vielen Dank für das nette Gespräch!

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