Er war es lange, sogar sehr lange. Genau genommen sogar schon seit 2005, allerdings mit kleinen Unterbrechungen. Seit dieser Saison hat ihn aber der Headcoach des Mitteldeutschen BC, Igor Jovovic, in dieser Kategorie abgelöst. Björn Harmsen ist nicht mehr der jüngste Trainer in der easyCredit BBL. Mit gerade einmal 35 Jahren ist er dennoch bereits ein sehr erfahrener Coach.

Björn Harmsen – Sport statt Studium

Björn, dein Weg ins Trainergeschäft begann genau genommen in Franken. Wie kam es dazu?

Nachdem ich in Jena das Sportgymnasium und meinen Zivildienst absolviert hatte, ging ich für das Studium nach Bamberg. Parallel dazu hatte ein Freund von mir ein Angebot von TSK uniVersa Bamberg als Profisportler bekommen. Da auch mein favorisierter Studiengang Internationale BWL in Bamberg angeboten wurde, beschlossen wir eine WG zu beziehen. In dem Haus wohnten einige Basketballer wie Chris McNaughton oder auch der damalige Jugendtrainer Christian Bischoff. Da ich aufgrund des Numerus Clausus nicht direkt mit dem Studium beginnen konnte, musste ich Geld verdienen, damit ich über die Runden kam.

Wie ging es dann genau weiter?

Christian sprach mit Wolfgang Heyder und dieser hatte ein offenes Ohr. Denn es wurden Trainer gesucht, auch Stützpunkttrainer. Als solcher bekam ich ein kleines Auto und etwas Taschengeld. Mir machte es richtig viel Spaß und ich entschied mich: Für den Sport und gegen das Studium, obwohl ich nun die Zusage von der Universität hatte.

„Meine Eltern waren überhaupt nicht begeistert von meiner Entscheidung.“

Und was sagten deine Eltern zu dieser Entscheidung?

Sie waren mit diesem Entschluss überhaupt nicht einverstanden und dachten, dass es nur eine Flause ist. Und dass ich später trotzdem noch studieren werde. Aber sie waren definitiv nicht begeistert.

Wie ging dein Weg in Bamberg weiter?

Ich war dann bei einigen Mannschaften Co-Trainer, Stützpunkttrainer, aber auch Co-Trainer der Oberfranken-Auswahl. Nach diesem einen Jahr hatte ich die Möglichkeit, in Jena zu trainieren. Diese Chance nutzte ich, da mir die Identität damals wie auch heute sehr wichtig ist. Ich bin zwar in Göttingen geboren, aber seit dem 14. Lebensjahr wohnte ich in Jena. Ich ging hier zur Schule, kannte das Jugendprogramm und hatte einfach mehr Bindung zu meiner Heimat. Von daher wollte ich dort arbeiten, wo ich emotionaler verwurzelt bin. Also ging ich nach Jena zurück.

Björn Harmsen Basketballherz

Basketballherz trifft Björn Harmsen

Basketball – auch von der Familie akzeptiert

Björn, hat deine Familie deine damalige Entscheidung auch irgendwann akzeptiert?

Ja, das war 2007 als ich mit Jena in die erste Liga aufstieg. Sie erkannten, dass es mir wahnsinnig Spaß macht zu coachen und ich damit mein Geld verdienen kann. Dann waren letztendlich alle zufrieden und ruhig.

Mit 25 Jahren der jüngste Trainer in der höchsten Spielklasse Deutschlands – ist es schwer von älteren Spielern Akzeptanz zu bekommen?

Wir sind überraschend aufgestiegen und hatten keine großen finanziellen Möglichkeiten. Meine Starting 5 waren erfahrene Hasen und die Bankspieler waren durchwegs junge, hungrige Spieler. Diese trainierte ich bereits im Sportinternat. Von daher hatte ich mit den jüngeren überhaupt keine Probleme.

Vor der Älteren hatte ich schon Respekt. Aber bis zum heutigen Zeitpunkt gab es niemals Unstimmigkeiten und Akzeptanzprobleme. Außer ein Spieler passt charakterlich nicht in die Mannschaft, dann liegt es aber nicht am Alter des Trainers, sondern ausschließlich am Spieler selbst. Wenn ein Veteran sieht, dass ein Coach hart arbeitet, dann honoriert er das auch. Dies beruht immer auf Gegenseitigkeit.

„Ich wollte niemals polarisieren, nur die letzten Prozente aus meiner Mannschaft kitzeln.“

Björn, dein Erscheinungsbild an der Seitenlinie hat sich in den letzten Jahren auch gewandelt – inzwischen bist du ein smarter Typ an der Seitenlinie. War dieser Wandel bedingt durch deine Bauchspeicheldrüsen-Erkrankung?

Würde ich nicht so sagen. Generell ist es für einen jungen Menschen in einer verantwortungsvollen Position schwer, denn dies wird immer mit sehr viel Zweifel gesehen. Besonders bei selbstbewussten Menschen. Vielleicht hatte ich damals noch mehr Energie als jetzt, aber mit der Zeit wird man auch ruhiger und gelassener. Ich brauche inzwischen auch mehr Schlaf. Früher habe ich 5 Stunden pro Nacht geschlafen, 7 Tage pro Woche gearbeitet und das über Monate hinweg. Ohne einen freien Tag.

Ich wollte an der Seitenlinie definitiv nicht polarisieren, lediglich meine Mannschaft motivieren und die letzten Prozente aus ihr herausholen. Bei jüngeren Teams muss man auch mehr reden. Jenkins, Allen oder McElroy brauchen nicht so viel Hilfe. Diese Jungs wissen, was sie tun. Sie haben mehr als genügend Spielverständnis.

„Meine Spieler sind die Vorbilder für unseren Nachwuchs.“

Apropos Jenkins & friends. Wie lange planst du mit diesen Veteranen?

Alle drei spielten auf höchstem Niveau, sind hochprofessionell. Sie haben immer auf ihren Körper geachtet, kommen pünktlich zum Training. Und sie setzen immer die Ansagen des Trainers um. Als Trainer schenkst du solchen Spielern auch ein Ohr und holst dir Ratschläge.

Björn Harmsen und Julius Jenkins

Björn Harmsen setzt auf Julius Jenkins (Foto: Christoph Worsch)

Das Wichtigste ist aber: Wir haben in Jena ein Jugendprogramm. Daher sind diese Spieler natürlich große Vorbilder für den Nachwuchs. Auch ich lerne von ihnen noch sehr viel. Wenn es nach mir geht, können sie bis zum Karriereende bei uns spielen.

2012 hast du dir eine Auszeit gegönnt. Was waren deine Beweggründe und Ziele?

Nach meiner Krankheit 2011 und der darauf folgenden Saison, als ich Trainer in Gießen war, erkannte ich, dass ich nach so vielen Jahren auch eine Pause einlegen musste. Denn auch als Trainer reist du nur von Stadt zu Stadt und hast kein Zuhause. Schließlich kaufte ich mir in Berlin eine Eigentumswohnung und konnte mir über Vieles Gedanken machen.

Björn und die spanische Nationalmannschaft

Hast du damals mit dem Gedanken gespielt, den Basketballjob an den Nagel zu hängen?

Nicht wirklich, auch wenn die letzte Saison in Hessen nicht einfach war. Nach drei Monaten der basketballlosen Zeit packte mich das Fieber wieder. Ich sah mir Spiele an und analysierte diese. Genauso wie ich es heute auch noch mache. Also nicht nur die Spiele meiner Mannschaft und die des Gegners, sondern auch Euroleague-Spiele oder Spiele der europäischen Ligen. Und dann habe ich noch bei der spanischen Nationalmannschaft hospitiert.

„Scariolo lud mich nach Spanien ein und zeigte mir sehr viel.“

Björn, welche Verbindungen hast du zum spanischen Basketball?

Durch Zufall kam ich 2008, nachdem ich in Jena entlassen wurde, mit Sergio Scariolo in Kontakt. Er war der damalige Trainer Málagas und ist der heutige Nationaltrainer Spaniens.

Er lud mich zum Training nach Málaga ein und erklärte mir Vieles. Ich sah in dieser Zeit natürlich viele Spiele der spanischen Liga. Der Basketball, der dort gespielt wurde, war mit Abstand der beste in Europa. Die Spielgeschwindigkeit, die Ballzirkulation – da war der deutsche Basketball meilenweit davon entfernt.

„Trinchieri, Djordjevic, Aito – das sagt schon viel aus.“

Wie siehst du heute die easyCredit BBL im Vergleich zu den anderen Ligen Europas?

Die deutsche Liga macht sehr große Schritte zum Positiven hin. Man sieht es einerseits an den Spielern, die jedes Jahr nach Deutschland kommen. Andererseits aber auch an den Trainern. Andrea Trinchieri, Sasa Djordjevic, Aito – diese drei Namen sagen doch schon sehr viel über den Stellenwert in Europa aus.

Ich schätze nur die spanische und die türkische Liga noch besser ein, beide sind finanziell besser aufgestellt. Aber dann sehe ich schon uns an dritter Stelle. Natürlich gibt es noch sehr gute russische oder auch griechische Mannschaften – jedoch herrschen in diesen Ligen große Disbalancen.

Und welches Team ist dein diesjähriger Meisterschaftsfavorit?

In der aktuellen Verfassung München. Sie wirken schon gut eingespielt und haben unglaubliche Spieler. Natürlich wird auch Bamberg ein Wort mitreden wollen. Hier muss man allerdings noch abwarten, ob und wer noch verpflichtet wird. Ich glaube nicht, dass dies schon der finale Kader sein wird. Vielleicht redet auch Berlin ein Wörtchen mit.

Gute Infrastruktur am Basketballstandort Jena

Björn, lass uns mal wieder über den Basketballstandort Jena sprechen. Wie seid ihr aufgestellt mit eueren Trainingsmöglichkeiten?

Zuerst haben wir die neue Arena gebaut. Als nächstes dann noch eine Trainingshalle und dazwischen ist in diesen Tagen ein Physiozentrum eröffnet worden. Also sehr praktisch und alles an einem Ort. Dadurch hebst du den Basketball an einem Standort auch auf ein höheres Level.

„Lars Eberlein ist sehr wichtig für den Basketballstandort Jena.“

Und deshalb bist du auch sehr zufrieden damit?

Absolut. Das war auch eines meiner Ziele, dass das Umfeld weiterentwickelt wird. Und hier sind wir auf einem sehr guten Weg. Hauptverantwortlich hierfür ist der Geschäftsführer von Science City Jena, Lars Eberlein. Er versucht sehr viele Dinge im Austausch mit mir umzusetzen.

Wird das von den Sponsoren in und um Jena auch honoriert?

Na klar. Wir spielen nur deshalb in der BBL, weil wir die neue Arena haben. Daher schlossen sich mehr Firmen dem Sponsoring an. Es kommen auch mehr Zuschauer in die Halle, vor allem viele Familien mit Kindern, die sich für den Basketball begeistern. Diese wollen dann selbst spielen und so gewinnen wir Jugendspieler.

Trotz geringem Budget zieht ihr immer wieder namhafte Neuzugänge an Land. Wie könnt ihr die Spieler überzeugen?

Wir erweitern die Infrastruktur kontinuierlich. Die Spieler sollen sich hier wohl fühlen und tun dies auch. Das spricht sich unter den US-Boys natürlich rum. Das ist unter anderem einer der Gründe, warum Jenkins, Allen und McElroy hier spielen.

Konnten der MBC und Gießen dahingehend mithalten?

Auch in Weißenfels konnten wir einiges bewegen. Beispielsweise haben wir dort einen Kraftraum in der Halle integriert. In Gießen war es dagegen deutlich schwieriger, schon allein bei den Trainingszeiten gab es Probleme.

Namhafte Großstädte drängen auf die erste Liga. Wo siehst du Jena in einigen Jahren?

Das werden wir sehen. Wir wollen unser Umfeld nach und nach professionalisieren.Es ist aber nicht zwingend nötig, dass wir dauerhaft in der BBL spielen müssen.

Björn Harmsen in der Auszeit

Björn Harmsen gibt klare Anweisungen (Foto: Christoph Worsch)

Nach einem kleinen Fehlstart mit drei Niederlagen habt ihr Martynas Mazeika verpflichtet. Ist er mit Marcos Knight vergleichbar und kann er in seine Fußstapfen treten?

Auf jeden Fall (lacht). Nein, das kann er nicht. Marcos und Martynas sind zwei völlig unterschiedliche Spielertypen. Marcos war ein Rookie in der Liga und musste sich beweisen. Er hat sich seinen Status auf beeindruckende Weise erarbeitet. Martynas spielte dagegen bereits Euroleague und Eurocup. Er ist sehr erfahren und bringt viel Ruhe ins Spiel. Er weiß, wann er scoren oder passen muss.

Die Zukunftspläne des Björn Harmsen

„Ich würde hier in Rente gehen.“

Kannst du dir vorstellen, noch längere Zeit in Jena zu coachen? Dein Vertrag läuft Ende der Saison aus…

Jena ist meine Heimatstadt und ich bin sehr gerne hier. Ich freue mich über das, was wir hier aufgebaut und erreicht haben. Und über das, was wir noch aufbauen werden. Deswegen würde ich natürlich gerne bleiben. Von mir aus würde ich hier auch in Rente gehen. Aber wenn der Misserfolg da ist, wird es schwierig. Von daher lebe ich im Jetzt und schaue nicht in die Zukunft.

Würdest du eventuell noch dein Studium nachholen wollen?

Nein, sicher nicht. Ich würde eventuell eine Bar aufmachen (lacht).

Ich habe mit zehn Jahren das Basketball spielen angefangen, seit dem 18. Lebensjahr bin ich Trainer. Wenn man so viele Kontakte geknüpft hat, kann man – glaube ich – nicht mehr loslassen.

Und welche Hobbies hat ein Björn Harmsen, wenn er mal vom Basketball abschalten will?

Ich versuche viel Sport zu machen, gehe aber auch gerne mal ins Theater oder in die Oper. Viel mehr Zeit bleibt einem da nicht mehr übrig.

 

Vielen Dank für das sehr angenehme Interview!

 

Interview mit Stephan Baeck

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