Im besten Basketballalter von 29 Jahren ist Benjamin Lischka in seiner Heimatstadt Gießen angekommen. Nicht nur in der Stadt, sondern auch bei den GIESSEN 46ers ist er in der Saison mit gut 25 Minuten pro Spiel ein wichtiger Eckpfeiler unter Headcoach Ingo Freyer. Sogar das Erreichen der Playoffs ist diese Saison drin. Und welche Vorsätze der kleinere Bruder von Ex-Nationalspieler Johannes für das neue Jahr hat, lest ihr im exklusiven Weihnachtsinterview.

Coming Home for Gießen

Benni, wie kamst du ursprünglich zum Basketball? Schließlich war diese Sportart nicht deine Nummer 1.

Wie fast jedes Kleinkind in Deutschland begann ich mit Fußball. Es kamen noch Handball und Badminton hinzu, als letztes schließlich Basketball. Mit 14 Jahren musste ich mich für eine Sportart entscheiden. Hier blieb ich dann dem Basketball treu. Schließlich spielte mein Bruder Johannes bereits und er war es auch, der mir den Spaß an dieser Sportart näher brachte und mich mit in die Halle nahm.




2013 der Wechsel nach Gießen. Wolltest du unbedingt zurück in deine Geburtsstadt?

Wenn man in einer Stadt geboren wird, dort aufwächst und deine Familie dort lebt, dann verfolgt man auch den Basketball in dieser Stadt. Auch den Abstieg in die 2. Liga in der Saison 2012/2013 bekam ich hautnah mit, obwohl ich zu dieser Zeit in Crailsheim spielte.

Schließlich setzte ich mich mit meinem Agenten im Sommer 2013 zusammen und wir spielten meine Möglichkeiten durch: Entweder ich verlängere in Crailsheim oder wechsle nach Gießen in die PRO A. Für die BBL war ich damals noch nicht „ready“. Schließlich kam unser jetziger Geschäftsführer Heiko Schelberg auf uns zu und sagte, dass der Neuaufbau der GIESSEN 46ers mit jungen Spielern – besonders aus der Region – stattfinden soll. Mit dieser Idee überzeugte er mich und nun bin ich immer noch hier.

Wie sehr hat dich die Geschichte mit der Erkrankung deines Bruders Johannes mitgenommen oder auch geprägt?

Die Erkrankung von Johannes war eine schwere Zeit. Aber das war nicht allein der Grund des Wechsels in meine Heimat. Natürlich habe ich dadurch auch mehr Zeit für ihn, meine Schwester oder meine Freunde. Wir wussten selbst nicht genau, wie wir mit seiner Krebserkrankung umgehen sollten. Er wollte unbedingt schnell wieder Fuß fassen im Leistungssport, aber das gelang ihm weder in der BBL noch in der PRO A. Für mich als Bruder war das echt tough, schließlich war er mein erstes Idol. Wegen ihm begann ich mit dem Basketball und er konnte einfach nicht mehr sein Leistungsvermögen abrufen. Ich wollte ihm immer helfen, aber er musste da irgendwie alleine durch. Und das hat er in den letzten Jahren mit Bravour gemeistert. Er spielt aktuell in der ProB bei unseren Rackelos.

Aufbruchstimmung in Liga eins

Denis Wucherer führte den Traditions-Basketballstandort Gießen 2015 wieder zurück in die Bundesliga. Wie war es für dich Teil dieser Truppe zu sein?

Das war schon ein cooles Gefühl als Gießener Junge durch die Playoffs zu stapfen und jedes Team aus dem Weg zu räumen. Dabei hatten wir kurz vor den Playoffs eine überraschende Niederlage in Baunach erlitten. Aber als es darauf ankam, hatten wir nie das Gefühl, dass wir ein Spiel verlieren könnten. Diese Truppe war auch ein zusammen geschweißter Haufen. Abseits des Courts waren wir viel unterwegs, spielten Paintball oder machten gemütliche Football-Abende.

In deiner Premierensaison 2015/16 wurdet ihr sensationell 9. und habt haarscharf die Playoffs verpasst. Wie hast du diese Saison wahrgenommen?

Mit dieser Saison konnten wir sehr zufrieden sein, denn wir haben Gießen wieder auf die Basketball-Landkarte gebracht. Aber es ist schon bitter, wenn du bei ALBA BERLIN in der Mercedes-Benz-Arena in die Overtime kommst und dann verlierst du mit zwei Punkten. Parallel zu unserem Spiel verlor Würzburg, so dass uns dieser Sieg in Berlin zum Einzug in die Playoffs gereicht hätte. Es flossen einige Tränen in der Kabine, die aber zum Glück dort geblieben sind. Anschließend sind wir in Berlin noch Essen gegangen und haben die Saison ausklingen lassen.

Nach der Saison 2016/17 folgte bei den GIESSEN 46ers der Trainerwechsel von Wucherer zu Freyer und einige Stimmen sagten: Es kann doch gar nicht besser werden. Warum habt ihr die Experten eines Besseren belehrt?

Letztes Jahr lief es bereits gut, doch dieses Jahr läuft es noch etwas besser. Wir hatten viel Glück, dass sich mit John Bryant ein großartiger Spieler den 46ers angeboten hat. John macht jeden Spieler auf dem Feld besser. Zudem haben wir dieses Jahr eine etwas ruhigere und erfahrenere Mannschaft, die in der Crunchtime öfters die richtige Entscheidung trifft. Außerdem bemerken wir eine gewisse Aufbruchstimmung in Gießen. Unsere Halle ist nahezu immer ausverkauft, das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall, obwohl wir gut spielten.

Playoffs mit Gießen? Benni Lischka und Basketballherz.

Benni Lischka und Basketballherz-Autor Jens

Wir müssen den Homecourt beschützen!

Was sind die Unterschiede der Headcoaches Wucherer und Freyer?

Ingo Freyer ist definitiv der kommunikativere Typ. Er sagt dir ganz deutlich, was er von dir erwartet und welche Rolle du im Team einnehmen sollst. Das vermisste ich bei Denis etwas und konnte mich daher nicht so in seine Spielweise einbringen. Ich bin eher der Mensch, der klare Strukturen braucht. Von daher fühle ich mich unter Coach Freyer pudelwohl.

Wie schwer fällt einem Spieler die Umstellung der Spielstile der Coaches?

Das ist nicht ganz so einfach. Denis lässt eher den strukturierten, langsameren Basketball spielen, während wir bei Ingo immer den schnellen Abschluss suchen sollen.




In dieser Saison habt ihr nach einem guten Saisonstart nun einige Spiele verloren. War es nur Pech oder ein mentales Problem, da ihr auf einmal in der Favoritenstellung wart?

Es ist schon komisch, wenn du im Heimspiel gegen Bayreuth als Favorit hingestellt wirst. Letztes Jahr hätten uns die Leute dafür den Vogel gezeigt (lacht). Aber Glück und Pech gleichen sich in einer Saison normalerweise aus. Anfang der Saison haben wir gegen Bremerhaven ein Heimspiel verschenkt. Das sind die Spiele, die am Ende beim Kampf um die Playoffs richtig weh tun können. Unseren Homecourt müssen wir wieder besser beschützen, auswärts kommt dann das Zubrot – und wir sind eine gute Auswärtsmannschaft.

Mit Big John in Richtung Playoffs

Wieso gelingt euch vielleicht gerade in der aktuellen Saison der Sprung in die Playoffs?

Wir sind eine ausgeglichenere Mannschaft als die Jahre zuvor. Letztes Jahr hatten wir mit Austin Hollins einen Rookie als Shooting Guard und mit Dee Davis einen noch recht unerfahrenen Spielmacher. Nun spielen wir in hektischen Situationen überlegter und binden öfters Big John ein, der dann die richtigen Entscheidungen trifft. Genauso müssen wir beim Pick & Roll unter dem eigenen Korb aufpassen, denn viele Teams wollen dadurch John aus der Zone locken. Wenn wir diese Aspekte beherzigen, können wir in der Endabrechnung die Playoffs erreichen.

In der Hessenschau stand zuletzt: „Kobe Bryant hat nun einen deutschen Pass.“ Ist das der aktuelle „Running-Gag“ bei euch im Team?

Das war natürlich ein Kracher. Ich wollte mir schon ein Autogramm von ihm holen, aber dann war es „nur“ John (lacht).

Ändert sich bei euch etwas, nachdem Big John nun die doppelte Staatsbürgerschaft hat?

In der Tiefe wird unser Kader natürlich breiter. Bisher musste Jeril Taylor meist als siebter Ausländer aussetzen.

Wie gut sind denn die Deutschkenntnisse von John Bryant?

Er versteht alles. Aber es kostet ihm natürlich Überwindung selbst deutsch zu sprechen. Das ist aber völlig normal. Wenn wir Deutsche in Deutschland Englisch sprechen, fühlen wir uns sicher. Aber wenn wir dann mal in den USA sind, sind wir genauso schüchtern.

Traum vom Spielen fürs eigene Land

Hast du ein Vorbild?

Ganz klar war früher von meinem Bruder und mir Dirk Nowitzki das ganz große Idol. Wir sahen jede Playoff-Serie, sind nachts immer aufgestanden, ohne dass es unsere Eltern bemerkt haben. Die legendären Serien gegen San Antonio oder Phoenix haben wir uns nicht entgehen lassen, auch wenn es aktuell bei ihm nicht mehr wirklich rund ausschaut.

Die Position des Power Forwards ist in Deutschland enorm gut besetzt. Ist das Thema Nationalmannschaft für dich trotzdem mal aktuell?

Ehrlicherweise habe ich im letzten Zeitfenster schon etwas dahin geschielt, schließlich spielten NBA und EuroLeague parallel zur Nationalmannschaft. Ich spiele aktuell eine gute, aber keine perfekte Saison. Von daher hoffte ich auf einen Anruf von Henrik Rödl. Allerdings will er wohl eher junge Spieler an die Nationalmannschaft heranführen, was ich auch verstehen kann. Vielleicht bekomme ich jedoch im Februar die Chance, alles für mein Land zu geben.




Du bist schon ein relativ kompletter Spieler. In welchem Skill siehst du bei dir dennoch den größten Verbesserungsbedarf?

Ich gehe nahezu immer über meine rechte Hand, was inzwischen die ganze Liga weiß. Von daher ist es meine linke Hand, auch zum Passen. Ansonsten muss ich mir sie irgendwann einmal abschneiden (grinst).

Dein Standing bei den Referees ist nicht besonders hoch. Was sind die Gründe hierfür und wie möchtest du dies zukünftig verbessern?

Mein Vorsatz für das neue Jahr lautet: Ich will gar nicht mehr mit den Schiedsrichtern reden, es ändert doch eh nichts und die Situation verbessert sich dadurch auch nicht. Genauso wie mein ständiges Hadern, denn dadurch bringe ich mich oft selbst aus dem Rhythmus. Trotz alldem glaube ich aber, dass das Schiedsrichterwesen in Europa ein generelles Problem hat. Viele sind zu sehr von sich selbst überzeugt. Auch wenn es hier einige positive Ausnahmen gibt, lassen viele nicht einmal normal mit sich reden.  Beispielsweise wurden im Spiel gegen Vechta zwei Offensivfouls gegen mich gepfiffen, obwohl mein Gegenspieler eindeutig im Kreis stand. Somit wären es zwei Blockingfouls gewesen und wir hätten vielleicht nicht mit einem Punkt Unterschied verloren. Warum werden in solchen Situationen die technischen Hilfsmittel nicht benutzt? Hier müssen einige Abläufe geändert werden.

Vielen Dank für das offene Interview. (23.12.2018)

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