Nach vier Jahren bei ALBA Berlin wechselte der gerade einmal 22 Jahre alte Pointguard Ismet Akpinar vor dieser Saison zu ratiopharm ulm. Dort steht er inzwischen regelmäßig in der Starting 5 und hat sich zu einem Führungsspieler, der viel Verantwortung übernimmt, entwickelt. Doch bereits vor seinem Wechsel nach Berlin stand er einmal in Kontakt mit den Ulmern. Damals hatte er sich noch gegen sie und für ALBA entschieden. Im Interview mit uns spricht Ismet unter anderem darüber, was für die damalige Entscheidung ausschlaggebend war, was er sich nun von seinem Wechsel erwartet hatte und ob diese Erwartungen auch vollständig erfüllt wurden. 

Obradović oder Leibenath?

Ismet, wie kamst du genau zum Basketball? Hast du auch mal andere Sportarten ausprobiert?

Mein Bruder ist Basketballprofi und er war schon immer mein großes Vorbild. Schon als kleiner Junge wollte ich werden wie er. Deshalb habe ich mit acht Jahren begonnen im Verein Basketball zu spielen. Als Jugendlicher habe ich jedoch auch – wie gefühlt jeder andere Jugendliche in Deutschland – Fußball gespielt, aber nie wirklich in einem Verein.




Was hast du dir vom Wechsel von Berlin nach Ulm versprochen? Und haben sich deine Erwartungen erfüllt?

Ich wollte ein fester Bestandteil der Ulmer Mannschaft sein und viel Verantwortung übernehmen. Außerdem habe ich mir natürlich größere Spielanteile versprochen. Meine Erwartungen haben sich hier in Ulm mehr als erfüllt.

Bereits 2013 wollte dich ratiopharm ulm verpflichten. Wieso hast du dich damals für Berlin entschieden?

Das war eine sehr schwierige Entscheidung. Am Ende war ein Gespräch mit meinen Eltern und mit meinem Agenten ausschlaggebend für den Wechsel nach Berlin. Ein großer Grund war außerdem Coach Obradović.

In Berlin warst du lange unter Obradović tätig. Was sind die größten Unterschiede zwischen ihm und Thorsten Leibenath?

Die Mentalitäten der beiden sind sehr unterschiedlich. Zusätzlich unterscheiden sich die Philosophien wie trainiert werden soll und wie die Chemie in der Mannschaft sein soll. Coach Obradović ist eher der „Diktator-Typ“ mit sehr festen Rollen und man darf wenig Spaß haben. Nur wenn man gewinnt hat man Spaß. Thorsten hingegen ist ein Players-Coach, der viel Wert auf eine gute Stimmung innerhalb der Mannschaft legt und dem die Kommunikation mit den Spielern sehr wichtig ist. Welche Philosophie am Ende des Tages die bessere ist, kann man nicht sagen. Beide haben ihre Vorteile.

Eine unrunde Spielzeit in Ulm

Hast du vor dieser Saison damit gerechnet, dass du regelmäßig in der Starting 5 stehst?

Mein primäres Ziel war es, ein fester Bestandteil der Mannschaft zu werden und auch als Führungsspieler zu agieren. Am Ende ist es mir eigentlich egal, ob ich in der Starting 5 stehe oder nicht. Wichtiger ist mir hingegen, in den letzten fünf Minuten zu spielen, weil dies meistens die entscheidenden Minuten sind. Dann lässt der Trainer die Jungs spielen, denen er am meisten vertraut.

Warum hat es bei euch im Team diese Saison einfach nicht funktioniert?

Es ist schwierig hier einen Grund zu nennen, an dem es gelegen hat. Wenn wir den genauen Grund wüssten, hätten wir mit Sicherheit noch etwas verändert. Der größte Teil der Mannschaft wurde neu zusammengewürfelt und ein paar Spieler haben sich nicht zurecht gefunden. Deshalb mussten wir teilweise nachverpflichten. Ein paar Spiele haben wir auch unglücklich verloren. Hätten wir diese Saison etwas konstanter gespielt, wären wir bestimmt weiter oben in der Tabelle. Aber: Hätte, hätte…

War der angesprochene Personalwechsel notwendig?

Wenn beide Seiten mit einer Situation nicht zufrieden sind, ist das auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Also wenn der Spieler sich nicht wohl fühlt und auch der Trainer nicht das sieht, was er sich vorgestellt hat, dann ist es eine gute Entscheidung.

Hast du Kritik von den Fans wahrgenommen?

Da dies meine erste Saison in Ulm ist, kannte ich die Fanbase nur als Auswärtsspiel mit ALBA. Ich war immer schon von der Atmosphäre hier beeindruckt. Klar bekommt man ein bisschen Kritik mit, aber ich bin dennoch extrem dankbar und verblüfft über diese großartige Unterstützung, die wir von unseren Fans erhalten.

Persönliche Ziele erreicht

Konntest du trotzdem Positives aus dieser Spielzeit mitnehmen?

Ich habe für mich persönlich sehr viel gelernt. Ich stand so lange wie noch nie zuvor auf dem Feld und hatte ein paar gute Spiele. Mein Ziel ist es, konstant diese Leistung abzurufen. Nächstes Jahr kann es mehr oder weniger nur noch besser laufen als Team.




Siehst du dich jetzt schon als Go-to-guy oder zumindest als Leistungsträger?

Ja, das verlangt auch das Coaching-Staff von mir. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie mich als Führungsspieler ansehen. Sie wollen, dass ich produziere.

Spürst du einen Mentalitätsunterschied zwischen dem Süden und der Hauptstadt Berlin? Wie unterscheiden sich die Organisationen?

Mentalitätsunterschiede würde ich vielleicht gar nicht so in den Vordergrund stellen. Ich bin ein Hamburger-Jung und war vier Jahre in Berlin. Als absolutes Großstadtkind bin ich nun in einer Kleinstadt. Man merkt da schon Unterschiede. Beispielsweise hat man in Ulm eine begrenztere Auswahl an allem. Aber auch Ulm hat natürlich seine Vorteile. Man kommt ein bisschen zur Ruhe und es ist sehr familiär. Ich fühle mich definitiv sehr wohl hier in Ulm.

Schaust du manchmal etwas wehmütig nach Berlin zurück? ALBA spielt unter Coach Aíto ja eine Bomben-Saison.

Wehmütig nicht, denn ich bin absolut zufrieden mit meiner persönlichen Situation hier in Ulm. Besser hätte ich es mir nicht vorstellen können. ALBA bleibt für mich ein sehr besonderer Verein und Berlin eine tolle Stadt und auch mein zweites Zuhause. Deshalb freue ich mich, dass sie so erfolgreich spielen. Allerdings hätte ich mir trotzdem gewünscht, dass Berlin einen Platz hinter uns in der Tabelle steht. (lacht)

Spielen wie Kobe, Kyrie und Steph

Du bist in jungen Jahren schon sehr weit in deiner Entwicklung. Was können wir von dir noch erwarten? Was sind deine langfristigen Ziele?

Meine Ziele sind sehr hoch gesteckt und ich habe immer sehr hohe Erwartungen an mich selbst. Ich bin extrem selbstkritisch und möchte immer mehr. Zufrieden bin ich selten und möchte konstanter werden. Ich möchte in der nächsten Saison mehr gute und weniger schwache Spiele absolvieren.

Ismet, hast du ein Vorbild?

Mein großes Vorbild ist schon immer mein großer Bruder gewesen. Klar schaut man auch mal in die Euroleague oder in die NBA. Dort gibt es eine Hand voll Spieler, aber da kann ich nicht einen herausnehmen. Von der Mentalität her ist es Kobe Bryant, vom Spielstil sind es Kyrie Irving oder Steph Curry. In der Euroleague steht Spanoulis ganz oben.

Pflegst du einen guten Kontakt zu deinem Bruder, der in der ersten türkischen Liga spielt?

Ich habe sehr engen Kontakt und ein gutes Verhältnis zu meinem Bruder und zu meiner Familie, das ist mir sehr wichtig. Von meinem Bruder kann ich viel lernen, da er schon seit 15 Jahren Basketballprofi ist und alles gesehen und miterlebt hat. Er hat immer den richtigen Rat für mich. Wenn ich mal Probleme habe, weiß er immer, wie er mir helfen kann.

Wäre ein Engagement in der Türkei für dich auch einmal denkbar? Gab es eventuell in der Vergangenheit schon Gespräche oder Optionen?

Auf jeden Fall. Vor allem auch deshalb, weil ich neben dem deutschen auch den türkischen Pass besitze. Das Interesse ist definitiv vorhanden, irgendwann einmal in der Türkei zu spielen. Es ist dort eine super Liga – meiner Meinung nach gleichauf mit der spanischen. Ich halte mir die Option definitiv offen.

Vielen Dank für das Interview, Ismet.

 

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