Er galt als eines der größten Basketballtalente in Deutschland. Mit 22 Jahren debütierte er bereits im Trikot der deutschen Nationalmannschaft unter Coach Dirk Bauermann. Doch kurze Zeit später, im Alter von 26 Jahren, wurde bei ihm ein Gehirntumor diagnostiziert. Dadurch verlief seine Karriere alles andere als geplant. Nun ist der 30-jährige Johannes Lischka Captain der GIESSEN 46ers Rackelos, dem Farmteam des Bundesligisten. Doch an erster Stelle steht nun sein duales Studium, das er bei den Hessen absolviert.

„Ich bin wieder gesund.“

Johannes, denkst du noch oft darüber nach, was gewesen wäre, wenn deine Profikarriere einen normalen Gang genommen hätte?

Im Großen und Ganzen nicht mehr so oft. Eigentlich nur dann, wenn ich bei den Spielen des Bundesliga-Teams helfe. Dann sehe ich meinen Bruder Benjamin spielen und ich frage mich schon: was wäre, wenn ich keinen Tumor gehabt hätte. Aber ich bin froh, wie es mir jetzt geht. Ich bin gesund und dafür bin ich sehr dankbar. Es hätte auch viel schlimmer kommen können.

Welche Arbeiten übernimmst du an den Spieltagen der 46ers in der Sporthalle Gießen-Ost?

Ich helfe bei den Heimspielen. Wenn Not am Mann ist, dann übernehme ich gerne Gemeinschaftsaufgaben.

Johannes Lischka – der Nationalspieler

Du hast 13 Spiele in der A-Nationalmannschaft absolvieren dürfen. Wie kam es dazu und was war das für ein Gefühl – die Farben des Heimatlandes zu vertreten?

Ich spielte bereits in einigen Jugendnationalmannschaften. Angefangen bei U16, U18, U20, danach war ich auch mit der A2-Nationalmannschaft bei zwei Universiaden. Dann berief mich Dirk Bauermann im Sommer 2009 ins A-Team. Das war etwas ganz besonderes für mich und natürlich eine große Ehre. Das kann mir auch keiner mehr nehmen. Ich kann sagen: Ich war Nationalspieler! Das war eine geile Sache.

Johannes Lischka für Deutschland

Johannes Lischka im Länderspiel gegen Portugal (Foto: S. Pförtner)

Was waren die Highlights deiner viel zu kurzen Profikarriere?

Die beiden Universiaden 2009 in Belgrad und 2011 in Shenzhen (China) waren tolle Erfahrungen. Das waren sozusagen die Olympischen Spiele für Studenten. Ansonsten noch die Länderspiele. Eines gegen Frankreich, die mit den NBA-Stars Tony Parker und Boris Diaw antraten. Coole Erlebnisse.

„Dirk Nowitzki – ich bewundere ihn!“

Hattest du irgendwelche Idole, nach denen du gestrebt hast?

Ganz klar Dirk. Ich habe ihn schon immer bewundert und schaue mir nach wie vor jedes Spiel von ihm an. Sein Wurf, die Art und Weise wie er auf dem Court agiert, ist grandios.

Über seinen Werdegang nach dem Tumor

Johannes, nach deiner überstandenen Operation, bei dem ein gutartiger Hirntumor entfernt wurde, hattest du gesundheitliche Probleme…

Natürlich musste ich nach der OP einige Zeit Cortison nehmen. Dadurch legte ich ordentlich an Gewicht zu. Vorher hatte ich ein Idealgewicht von 106kg, danach 125kg. Das lag auch daran, dass ich keinen Sport ausüben konnte. Ich fing leider auch zu schnell wieder mit dem Basketball an. Immer in der Hoffnung, dass ich wieder mein ursprüngliches Gewicht erreiche.

Nach welcher Zeit hast du wieder angefangen zu trainieren und zu spielen?

Gut drei Wochen nach der Operation. Völliger Irrsinn aus heutiger Sicht, aber ich wollte wieder in mein normales Leben zurück. Einfach wieder Basketball spielen.

Du hast einige Male versucht, wieder Fuß zu fassen. Dies ist dir allerdings nicht wirklich geglückt. In Heidelberg hast du dann deine Profikarriere beendet. Wie schwer fiel dir der Entschluss?

Brutal, das war zwei Jahre nach der Erkrankung. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Das war aber auch die schwerste Zeit meines Lebens, denn ich musste viele Rückschläge hinnehmen. Zuerst bekam ich in Tübingen keinen neuen Vertrag. Danach war ich kurz beim Mitteldeutschen BC, dort setzten sie mich nach drei Wochen vor die Tür. Angeblich aufgrund mangelnder Fitness und holten stattdessen Standhardinger. Dann ging ich nach Gießen in die Pro A, aber auch in meiner Heimatstadt konnte ich nicht Fuß fassen.

Johannes, deine letzte Station war schließlich Heidelberg. Auch dort hast du die Saison nicht zu Ende gespielt.

Richtig, ich fühlte mich wieder fit und hatte meine Idealgewicht erreicht. Allerdings verlor ich in Heidelberg den Spaß am Profibasketball. Das lag jedoch nicht an meinem Fitnesszustand. Es lag am Spielsystem von Coach Ignjatovic. Er gab unserem Amerikaner Aaron Thomas alle Freiheiten und dieser zog seine Ego-Show durch, so dass ich nach und nach resignierte. Da ich weiß, dass der Trainer bei solchen Themen kein offenes Ohr hat, beschloss ich die Schuhe an den Nagel zu hängen. Die damalige Kommunikation nach außen, dass ich mentale Probleme hätte, stimmten nicht.

Basketball ja – Profisport nein

Johannes Lischka bei den Rackelos

Lischka zählt zu den Leistungsträgern der Rackelos (Foto: Chris Kettner / Fotodesign)

Nun spielst du bei den GIESSEN 46ers Rackelos. Macht es dir wieder mehr Spaß? Wie ist die Stimmung innerhalb der Truppe?

Ich habe wieder Spaß am Sport. Mit beiden Trainern, Rolf Scholz und Lutz Mandler, spielte ich bereits in Lich zusammen. Die Truppe ist stimmig und auch unsere beiden Amis, Jeril Taylor und Nick Hornsby, passen super dazu. Sie sind echt Glücksgriffe für uns.

„Mein Wort wird geschätzt.“

Als Captain und ehemaliger Nationalspieler bist du natürlich eine prägende Figur. Schauen die jüngeren Spieler mit Respekt auf dich hoch?

Natürlich wissen alle, wer ich bin. Ich versuche daher auch den Jungs Tipps mit auf den Weg zu geben. Mein Wort innerhalb der Mannschaft wird geschätzt.

Und wie sehen dich die Gegner? Wird ein Johannes Lischka mit mehr Energie bearbeitet?

Ehrlich gesagt spüre ich das aktuell überhaupt nicht. Vielleicht ändert sich das nach den ersten Spielen noch etwas, aber bisher werde ich nicht besonders verteidigt.

Johannes Lischka – der Student

Du machst aktuell ein duales Studium. Was studierst du genau?

Mein Studiengang an der THM (Technische Hochschule Mittelhessen) in Wetzlar nennt sich Mittelstandsmanagement.

Und wie kam es dazu, dass die 46ers dir das Studium ermöglichten?

Ich ging auf den Geschäftsführer der GIESSEN 46ers, Heiko Schelberg, zu. Und er gab mir die Möglichkeit das Studium hier zu machen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. In zwei Jahren sollte ich das Studium auch abgeschlossen haben.

Wie sieht dein Zeitmanagement mit Studium, Sport und Office aus?

Ich arbeite nur in den Semesterferien im Office, ansonsten bin ich an der Uni. Während des Semsters verpasse ich das Training morgens. Das ist allerdings ok, da meistens nur Kraft- oder Wurftraining ansteht. Und abends stehe ich dann mit der Mannschaft auf dem Court.

Welche beruflichen Pläne hast du konkret für die Zukunft?

Der Plan, sowohl seitens Gießen als auch von mir, ist, dass ich ins Management einsteige. Welche Rolle das dann sein wird, weiß ich noch nicht. Aber der Plan steht soweit.

Die Lischka-Brüder

Wie ist der Kontakt zu deinem Bruder Benjamin, der eine sehr gute Saison bisher bei Ingo Freyer spielt?

Er wohnt nur ein Dorf weiter. Wir haben viel und vor allem sehr guten Kontakt.

Bleibt dann auch mal Zeit für ein Privatduell auf dem Spielfeld?

Nein, wir gehen mal gemeinsam Essen oder schauen fern.

 

Vielen Dank für das sehr offene Interview!

 

Björn Harmsen im Interview

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