In Teil 1 unseres Exklusivinterviews hat Raoul Korner bereits verraten, wieso er seinen Vertrag in Bayreuth verlängert hat. Doch wie schwierig sich die Verpflichtung des Pointguards gestaltet hat und wie der Österreicher beim Recruiting für sein Team vorgeht, lest ihr hier.

Eine gute Chemie im Team schaffen

Hand aufs Herz – bei wie vielen Wunschkandidaten hat eine Verpflichtung nicht geklappt?

Natürlich würde niemand zugeben, eine vierte Option verpflichtet zu haben. Aber so genau kann man die Frage gar nicht beantworten. Vielleicht wird das am Beispiel Pointguard klar: War David Stockton Anfang Juni unsere erste Option? Nein, er lag nicht einmal auf dem Tisch. Für einen anderen Spieler hatten wir sogar schon ein Angebot herausgeschickt. Doch am Tag der Rücksendung bekam dieser Spieler ein Angebot aus Russland für das doppelte Gehalt. Da hatte ich bereits gedacht: „Den haben wir“. Ein anderer Spieler hatte in Las Vegas sogar schon unterschrieben, aber dann kam ein Sorgerechts-Prozess dazwischen. Wenn so etwas passiert, gehe ich nicht meine dritte, vierte oder fünfte Option durch. Dann schicke ich aufs Neue die Anfrage an Agenten heraus, um zu sehen, wer aktuell am Markt ist. In diesem Fall kam David – und mir war klar: Den will ich haben! Wenn er im Juni schon zur Wahl gestanden hätte, wäre er schon da meine erste Option gewesen. Im Endeffekt bin ich also froh, dass alles so gekommen ist.




Zuletzt hat medi bayreuth mit Stockton und Thomas noch zwei namhafte Neuverpflichtungen getätigt. Sind dies Spieler, die man erst gegen Ende einer Transferperiode verpflichten kann?

Klar. Es gibt Spieler, die bekommt man vorher nicht. Auf der anderen Seite will ich auch keine Mannschaft mit fünf Neuzugängen zusammenstellen, bei der sich alle fünf verzockt haben. Das wäre keine gesunde Mischung. Doch wenn ich mich mit Spielern eines solchen Kalibers einige, muss zu dem Zeitpunkt klar sein, dass es für beide Seiten die beste Option ist. Das kommuniziere ich demjenigen Spieler auch ganz klar: „Wenn es für dich nicht die perfekte Situation ist, dann unterschreibe bitte den Vertrag nicht“.

„Der Respekt ist massiv gewachsen“

Hat bei der Verpflichtung von Adonis Thomas auch der Lira-Kurs eine Rolle gespielt?

Definitiv. In der Türkei gab es Teams, die interessiert waren – nicht zuletzt aufgrund seiner Leistung in der Halbfinal-Serie gegen Fenerbahce. Die hatten wesentlich mehr geboten als wir. Adonis jedoch erachtete es als sinnvoller, seine Karriere bei uns fortzusetzen. Er kannte unser Team aus der BCL und wusste um die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands. So muss man finanziell manchmal erst einen Schritt zurück machen, um danach wieder zwei oder drei Schritte vorwärts zu gehen.

Kann man mittlerweile leichter Spieler nach Bayreuth locken? Man hat sich ja auch in der BCL einen Namen gemacht bzw. auch Ihr Name steht für gute Arbeit.

Im ersten Jahr war es extrem schwierig, Spieler für Bayreuth zu rekrutieren. Im zweiten Jahr war das schon ein wenig einfacher. In diesem Sommer hat man wirklich gemerkt, dass die Reputation der Organisation medi bayreuth gestiegen ist. Den Leuten ist unser Name inzwischen nicht nur ein Begriff, sondern sie loben unser Programm auch. Der Respekt vor uns ist massiv gewachsen: Spieler, Agenten und Manager reden nun ganz anders mit einem.

Jetzt, da der Kader steht: Wie wird sich der Spielstil zum Vorjahr unterscheiden?

Die Grundphilosophie bleibt gleich, aber der Stil passt sich an das Personal an. Meine Ziele waren es, etwas schneller und athletischer zu werden. Zudem wollte ich defensiv – auch auf individueller Ebene – besser werden. Im Rahmen unserer Möglichkeiten ist uns das denke ich recht gut gelungen. Man schaue sich einmal die „drei Zwillinge“ an: Also Hassan, De‘Mon und Adonis. Die können theoretisch alle gleichzeitig auf dem Feld stehen.

Raoul Korner gibt alles für sein Team

Raoul Korner gibt alles für sein Team (Foto: ochsenfoto.de)

Gegen den Strom schwimmen

Im Gegensatz zum Vorjahr gibt es diesmal mehr Wundertüten für die Fans. Sind für Sie persönlich Neuzugänge wie Robertson, Raivio, Hrovath oder Martin auch ein wenig ein X-Faktor?

Ich denke schon, dass es eine meiner Stärken ist, ein Gespür für passende Spieler zu haben. Zum Beispiel finde ich es witzig, in der Offseason Mails von Agenten zu erhalten, die mir Spieler mit BBL-Erfahrung anbieten. Meine Antwort ist immer die gleiche: Ich rekrutiere keine Spieler mit BBL-Erfahrung. Denn wenn ich einen Spieler mit BBL-Erfahrung verpflichte, zahle ich genau für das, was ich bekomme. Folgerichtig erreiche ich mit unserem Etat dann auch voraussichtlich nicht die Playoffs. Wenn ich also nicht gerade Bayern München bin, macht diese Strategie meines Erachtens nach keinen Sinn. Auf diesem Weg ist beispielsweise Tübingen letzte Saison abgestiegen. Der einzige Spieler, der in diesem Team funktioniert hat, war der Rookie. Deshalb will ich Spieler, die noch nicht den Preis-Stempel der BBL tragen. Spieler, denen ich das Niveau zutraue, obwohl sie sich bisher aber noch nicht auf diesem beweisen konnten. So sehe ich die größte Chance auf einen starken Kader.

Kurzer Blick auf den Pokal und die BCL: Starke Gegner am Anfang könnten jeweils zu einem frühen Ausscheiden führen. Haben Sie Bedenken, dass dies Ihnen schnell den Spaß und die Motivation an der Saison nehmen könnte?

Im Moment mache ich mir darüber noch keine Gedanken, aber da droht definitiv eine Gefahr. Denn innerhalb einer Woche könnten wir aus zwei Wettbewerben ausscheiden. Wir planen jedoch nicht das Worst-Case-Szenario, sondern eben genau dahingehend, dass dieses nicht eintritt. Ob wir schon mit ALBA BERLIN mitspielen können, weiß ich nicht. In der Quali zur BCL hingegen traue ich uns zu, gegen Teams wie Estudiantes Madrid oder Minsk zu bestehen.

„Es zählt, was auf dem Tisch liegt“

Die Liga hat in der Offseason wohl wieder an Attraktivität gewonnen: Spieler wie Cummings, Rice, Kopponen oder auch Giedraitis sind nur einige klangvolle Namen. Nehmen Sie ebenfalls diese Entwicklung wahr?

Grundsätzlich ist die deutsche Liga in vielen Aspekten Vorreiter: Vermarktung, Zuschauerzahlen, Hallen, Infrastruktur, wirtschaftliche Stabilität. 18 Teams bieten gute Jobs für Spieler und Trainer. Da weiß jeder, was er hat. Wir haben aber auch die Last unseres Steuersystems zu tragen: Spieler interessiert es nicht, ob in eine Pensionskasse eingezahlt wird oder wie gut unser Sozialsystem ist. Da zählt das, was auf dem Tisch liegt. Und das ist in anderen Ländern mehr. Das wird die BBL immer ein bisschen limitieren.




Wen sehen Sie ganz vorne dabei? Und welches Team wird mit Ihnen um die Playoffs kämpfen?

Bayern München ist das Team, das es zu schlagen gilt. ALBA BERLIN sehe ich nur knapp dahinter. Schon allein deshalb, weil sie relativ konstant geblieben sind und nicht die Belastung wie die Münchner haben. Danach ist fast alles offen. Bamberg wird natürlich auch einen schlagkräftigen Kader haben, aber ob sie gleich auf dem hohen Niveau von den anderen beiden mitspielen können, bleibt abzuwarten. Die Breite der Teams, die um die Playoffs kämpfen, wird auf jeden Fall größer. Neben den „üblichen Verdächtigen“ haben auch Teams wie Jena, Braunschweig und Gießen genug Potenzial, um die Playoffs zu schaffen.

Vielen Dank für das offene Gespräch! (veröffentlicht am 27.08.2018)

Dominik Lockhart und das Veilchen-Versprechen

Interview mit Malte Ziegenhagen

zurück

Lass auch du unser Herz höher schlagen: