Zweimal Trainer des Jahres in der Bundesliga, dreimal Coach beim All-Star-Game, regelmäßig mit seinen Teams in den Playoffs, nationaler Pokalsieger 2000 und zahlreiche Teilnahmen am Europapokal. So liest sich die Vita eines Mannes, der schon sehr früh wusste, was er will. Neben bzw. nach seiner Zeit als Coach fungiert er nun noch als sehr angesehener Kommentator auf Telekom Sport und DAZN. Die Rede ist von Stefan Koch. Der Hesse, der in seiner Kindheit fast ein Bein verloren hätte und dadurch den Traum als Profisportler begraben musste.

Abstecher ans Schwarze Meer

Während deines Studiums wurdest du mit 24 Jahren Trainer des TV Lich und hast die Mannschaft mit zwei Aufstiegen in die 2. Liga geführt. Wie kamst du in einem solchen Alter zu diesem Job?

Ich wollte bereits in jungen Jahren nach oben. Als Spieler war ich allerdings zu schwach und meine Spielerlaufbahn stand unter keinem guten Licht. Ich spielte als 11-jähriger Fußball. Als ich alleine auf den Torwart zulief, senste er mich nach allen Regeln der Kunst um. Die Folge? Ein offener Schienbeinbruch und ein halbes Jahr Liegegips. Dabei eiterte mein Bein und es hätte beinahe amputiert werden müssen. Dadurch verlor ich meine Schnelligkeit und Sprungkraft.




Zum Basketball selbst kam ich erst in der B-Jugend, also mit 15 Jahren. Allerdings schaffte ich es als Spieler nie über die Regionalliga hinaus – und selbst da war ich eher der Bankdrücker. Somit war der Trainerjob das Folgerichtige, ansonsten wäre ich Schiedsrichter geworden.

Mit 31 Jahren wechselste du ans Schwarze Meer nach Odessa in die Ukraine. Warum dieser ungewöhnliche Schritt?

Bevor ich den Schritt nach Odessa machte, nahm ich meinen ersten Job in der Bundesliga bei der BG Bramsche an. Dort wurde mir aber relativ schnell klar, dass in der Vergangenheit nachlässig gewirtschaftet wurde. Bereits in der Vorbereitung wurden Probleme offensichtlich. Nach vier Spieltagen in der BBL kam der Verein auf Spieler und Verantwortliche zu und machte uns deutlich, dass unser Nettoverdienst in den Verträgen eigentlich der Bruttobetrag sein sollte. Einige Akteure akzeptierten das, doch andere – wie auch ich – eben nicht, denn so funktionieren Arbeitsverhältnisse nicht.

Schließlich kam dann im November ein Angebot des holländischen Basketballagenten Harry Kip – ein toller und leider viel zu früh von uns gegangener Mensch. Also flog ich nach Odessa. Dort war es trist und grau. Sie wollten mich sofort unter Vertrag nehmen, allerdings spekulierte ich auf einen frei werdenden Job in der Bundesliga. Aber Harry und auch der Verein waren sehr hartnäckig, so dass ich im Januar dann den Vertrag in der Ukraine unterzeichnete.

Mitte der 90er-Jahre war Stefan Koch sogar als NBA-Scout aktiv in Europa. Wie kam dieser zusätzliche Job neben dem „normalen“ Trainerjob zustande?

Als junger Trainer versucht man sich sein Netzwerk aufzubauen. Und hierzu gehörte es, auch Kontakt zu den NBA-Teams aufzubauen. Ein Verein sagte dann, dass ich in Europa die Augen offen halten solle und interessante Kandidaten unter die Lupe nehmen kann. Ab und an kam ein Anruf, ob ich Informationen zu bestimmten Spielern einholen könne. Jedoch war das keinesfalls ein Job, der einen ganzen Tag ausfüllte.

Das Koch-Koch Duell

Nach weiteren erfolgreichen Stationen als Headcoach stand 2005 das erste Bruder-Duell auf den Trainerbänken an. Dein Bruder, Michael Koch, in Bonn, du Coach in Gießen. Wie schwer ist es gegen das Team des Bruders zu spielen?

Meiner Meinung nach werden solche Konstellationen überschätzt. Für Außenstehende ist ein solcher Faktor wichtiger als für einen selbst. Allerdings hat das erste Aufeinandertreffen – wie bei allen Dingen im Leben – den Charakter des Besonderen.

Zum Ende der Saison 2013/14 stand das Spiel Würzburg gegen Bayreuth am letzten Spieltag auf dem Kalender – auch hier hieß es wieder: Stefan gegen Michael Koch. Würzburg gewann, stieg aber trotzdem ab, da Tübingen ebenfalls seine Hausaufgabe erledigte. Wie schwer war es für dich mit diesem Abstieg umzugehen, da du die Mission „Feuermann“ in Unterfranken nicht erfolgreich abschließen konntest?

Es ist immer schwer mit Misserfolg umzugehen. Obgleich ich sagen muss, dass wir nach heutigen Regeln der BBL nicht abgestiegen wären. Damals gab es noch die Regelung, dass eine Niederlage am grünen Tisch doppelt bestraft wurde. Zudem handelte es sich dabei um einen Vorfall vor meiner Amtszeit. Nichtsdestotrotz schmerzt ein Abstieg immer. Allerdings gehören auch Niederlagen zum Sport. Es gibt immer ein „wenn“ und „aber“. Beispielsweise war Maxi Kleber damals ein junger, aber sehr wichtiger Spieler. Er versäumte die letzten sechs Saisonspiele aufgrund einer Verletzung. Mit ihm hätten wir sicherlich eines dieser Spiele mehr gewonnen und dann hätten wir trotz des Punktabzuges die Klasse gehalten. Es spielen immer sehr viele Umstände in eine solche Situation hinein. Und diese sollte man alle gegeneinander abwägen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.




Seit 2014 bist du nun Kommentator und bei Telekom Sport neben Michael Körner das prägende Gesicht. War es dein Ziel, nach deiner Zeit in Würzburg die Rollen zu tauschen?

Bereits vor 20 Jahren war ich bei DSF (jetzt sport1) und Premiere (jetzt SKY) als Experte unterwegs. Als die Basketballrechte bei sportdigital.tv lagen, habe ich eigenständig kommentiert. Von daher war mir das Umfeld nicht neu. Zudem bin ich in Würzburg wirklich nur eingesprungen. Vorher war ich drei Jahre in Quakenbrück, wo ich mich sehr wohlfühlte. Ich hätte im Artland auch um ein Jahr verlängern können. Allerdings wurde 2013 mein Sohn eingeschult. Meine Frau und ich mussten entscheiden, ob wir dieses „Trainer-Wanderleben“ führen wollen und unser Kind alle zwei oder drei Jahre in ein neues soziales Umfeld integrieren, oder ob wir als Familie einen anderen Weg gehen möchten. Dementsprechend ist die Fernsehschiene für mich ideal. Erstens habe ich Journalismus studiert, zweitens sammelte ich bereits Erfahrungen in dieser Branche und drittens kam ich in ein überragendes Umfeld – von den Kollegen bis hin zur Arbeitsatmosphäre. Seit dieser Saison arbeitete ich zusätzlich noch für DAZN.

Ein Arbeitstag von Coach Koch

Apropos Telekom Sport und DAZN – wie schaut ein Arbeitstag im Leben des Stefan Koch üblicherweise aus?

Es ist viel Schreibtischarbeit in der Vorbereitung auf die Spiele. Am Beispiel eines Bundesligaspieles kann ich es gerne erklären: Für jede Mannschaft habe ich zwei Zettel zur Hand. Einerseits das Papier mit den Eckdaten zu den Spielern: Wo kommen diese her, welche Auszeichnungen, Stärken und Schwächen haben sie. Andererseits noch das aktuelle Blatt: Hier befasse ich mich mit den Ergebnissen der letzten Wochen. Welcher Spieler hat gerade einen Lauf, oder wer kommt erst wieder von einer Verletzung zurück? Ich recherchiere sehr viel. Das tolle daran ist, dass man heutzutage keine 30 Zeitungen mehr kaufen oder 27 Telefonate führen muss, sondern nahezu alles daheim vom Schreibtisch aus übers Internet erledigen kann. Zudem überlege ich mir die Fragen für meine Interviewpartner gezielt.

Ihr habt diese Saison einen namhaften Neuzugang in eurem Team – Anton Gavel. Freust du dich darauf, wieder mit Tono zusammenzuarbeiten?

Definitiv! Ich bin der größte Anton Gavel Fan auf diesem Planeten! Ich hatte die Freude und Ehre mit dem jungen Anton zusammenarbeiten zu dürfen. Er war ein Spieler mit einer unfassbaren Arbeitseinstellung, mit einer großartigen Teamorientierung. Ich freue mich schon riesig darauf, wenn Anton das erste Mal an meiner Seite bei Telekom Sport kommentiert.

Stefan Koch Anton Gavel

In Gießen arbeitete Stefan Koch mit dem jungen Anton Gavel

Hat es dich überrascht, dass er seine Karriere in diesem Sommer beendet hat?

Ich konnte im Sommer mit ihm sprechen und da hörte ich schon heraus, dass er wahrscheinlich aufhören wird. Seinen Ehrgeiz und inneren Antrieb könnte er nicht befriedigen, wenn er nicht um Titel spielt. Daher war es für mich keine Überraschung.

BBL ist eine Top-Adresse

Kommen wir zum aktuellen Liga-Geschehen: Was sind deine ersten Eindrücke in der noch jungen Saison?

Durch die Verpflichtung von Derrick Williams haben die Bayern ihren Favoritenstatus nochmals untermauert. Der größte Konkurrent wird ALBA werden. Deren Basketball sehe ich sehr gerne an. Im Abstiegskampf sehe ich die beiden Aufsteiger aus Vechta und Crailsheim. Aber es ist schön zu sehen, dass beide Teams konkurrenzfähig sind. Auch der Mitteldeutsche BC wird zu kämpfen haben.

Wie siehst du den deutschen Basketball im Wandel der Zeit? Es kommen mehr und mehr namhafte Spieler nach Deutschland und schaffen auch von hier aus den Durchbruch in die NBA.

Der deutsche Basketball ist im europäischen Vergleich sehr viel besser geworden. Wenn wir uns mit der französischen oder italienischen Liga vergleichen, dann hatten wir vor 15 Jahren deutlich das Nachsehen. Inzwischen hat Italien mit Olimpia Milano zwar noch einen Verein, der über ein richtig hohes Budget verfügt und in der EuroLeague spielt. Ansonsten aber sehe ich die BBL in der Breite besser aufgestellt. Frankreich hat nicht einmal mehr ein EuroLeague-Team.

Die deutsche Liga ist mittlerweile eine sehr gute Adresse in Europa. Warum? Weil wir in wirtschaftlich eher turbulenten Zeiten wirklich Sicherheit geben können: Das Geld ist pünktlich auf dem Konto und die sportliche Qualität hat sich verbessert. Damit meine ich auch Rahmenbedingungen, wie etwa Trainingshallen. Zudem werden unsere nationalen Talente besser gefördert. Unsere U20 wurde EM-Dritter ohne Bonga und Hartenstein, die zu dieser Zeit in der Summer League unterwegs waren. Mit beiden hätten wir sogar den Titel holen können. Vor 15 Jahren war das noch undenkbar. Da kämpften wir um den Aufstieg von der B- in die A-Gruppe oder um den Klassenerhalt in der A-Gruppe.




Und wie siehst du die Entwicklung des europäischen Basketballs? Löst die Champions League den EuroCup als Nr. 2 in Europa ab?

Aktuell auf keinen Fall. Alle hoch ambitionierten Teams wollen in die EuroLeague und die ULEB wird einen Zugang in die EuroLeague über die Champions League nicht zulassen. Da der EuroCup zur ULEB gehört, heißt es auch, dass diese Teams den Fuß in der Tür zur EuroLeague haben. Es steht außer Frage, dass das Niveau der Champions League steigt und dass es auch das Ziel der FIBA sein wird, die Nummer 2 zu werden. Momentan sehe ich aber den EuroCup ganz klar vor der Champions League.

Kannst du dir vorstellen, mal wieder auf der Trainerbank Platz zu nehmen?

Ich wäre verrückt zu sagen, dass ich es kategorisch ausschließe. Oftmals spüre ich ein Kribbeln, dann schlagen plötzlich wieder zwei Herzen in meiner Brust. Denn ich war immer sehr gerne Trainer. Ergibt sich nochmal ein attraktives Szenario, muss der Job nicht zwingend in Hessen sein. Wenn ein Verein kommt und mir eine entsprechende Vertragslaufzeit und damit Sicherheit bietet, kann es durchaus sein, dass ich meine Familie nochmals zum Umzug bewege.

Und arbeitest du nebenbei noch als Motivationscoach?

Ja, ich mache aber nur noch Vorträge. Coachings gebe ich ab und an auf Anfrage und Trainings gar nicht mehr, da ich es zeitlich nicht mehr realisieren kann. Der Fernsehjob nimmt dafür zu viel Zeit in Anspruch.

Vielen Dank für das offene Gespräch. (04.11.2018)

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