Als ich auf den Parkplatz der Trainingshalle in Strullendorf fahre, frage ich mich, ob ich hier überhaupt richtig bin. Neben vielen Autos sind Zelte aufgeschlagen, Leute spazieren mit bunten Hemden und alkoholischen Mischgetränken über das Gelände. Am Eingang verrät mir ein Plakat, was hier gerade los ist: Die bayerischen Meisterschaften im Darts. Ein Blick durch die Hallentür bestätigt das: Eine Dartscheibe an die nächste gereiht, Kommentare ertönen aus Lautsprechern und ein Großteil der Leute sitzt auf Bierzeltgarnituren und stimmt grölende Gesänge an. Ich wende mich von der Halle ab und blicke durch das Foyer. Eine weitere Tür gegenüber wirkt fast wie ein Fremdkörper. Doch dann entdecke ich ein Schild, das mir verrät, dass sich dahinter die Geschäftsstelle von Brose Bamberg verbirgt. Ich trete durch die Tür, wo mich schließlich Thorsten Vogt empfängt, mit dem ich eine Woche zuvor einen Termin vereinbart hatte.

Über seinen Weg zum Basketball

Thorsten, wie bist du zu deinem Engagement in Bamberg gekommen?

Ich war schon immer sehr sportinteressiert, habe früher auch einmal Fußball gespielt. Nachdem ich mich aber verletzt hatte, musste ich mir die Frage stellen: Was kannst du überhaupt? Weil ich journalistisch interessiert war, habe ich zwei Jahre lang ein Volontariat bei einer Produktionsfirma für Börsen- und Wirtschaftsbeiträge gemacht. Dann bin ich über das Studium zu TV Oberfranken gekommen, wo ich in Abstimmung mit Wolfgang Heyder ein eigenes TV-Magazin für die Brose Baskets ausgearbeitet habe. In der Zeit bin ich mit dem Verein enger in Verbindung gekommen. Schließlich bin ich dann gefragt worden, ob ich das nicht direkt für den Klub machen will.

Du hast von 2005 dein Studium an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg abgeschlossen. Danach warst du zunächst 7 Jahre als Leiter der Sportredaktion und als Moderator bei TV Oberfranken tätig, bevor du zum Basketball gekommen bist. Wie ist es zu diesem beruflichen Werdegang gekommen?

Ich habe zum für mich richtigen Zeitpunkt immer die richtigen Angebote bekommen. Ich hatte das große Glück, dass ich bis heute mich noch nie irgendwo bewerben musste. Während des Studiums habe ich vier Jahre freiberuflich für verschiedene Radiostationen und Fernsehsender gearbeitet, da baut man sich dann Kontakte in der Medienbranche auf. Dass Bamberg eine Kleinstadt ist kommt dann dazu, da kennt jeder jeden. Doch hatte ich nie wirklich damit geliebäugelt, für Brose Bamberg zu arbeiten. Hier dann die Medien- und Kommunikationsabteilung zu übernehmen, hat sich schließlich Schritt für Schritt so ergeben.

Bis heute musste ich mich noch nie irgendwo bewerben.

Bist du zufrieden mit diesem Verlauf oder hättest du im Nachhinein andere Entscheidungen getroffen?

Das ist immer schwer zu sagen. Ganz früher habe ich beim „Club“ Fußball gespielt und dort die komplette Jugendabteilung durchlaufen. Ich hatte sogar ein internationales Profiangebot, leider habe ich mich jedoch in dieser Zeit verletzt. Im Nachhinein könnte man sicher denken, dass so ein Profifußballerleben auch nicht das Verkehrteste gewesen wäre. Abgesehen davon hätte ich aber nichts anders entschieden.

Über nächtliche Anrufe und eine Vereinbarung mit seiner Frau

Kannst du von deinem jetzigen Job auch einmal abschalten?

Während der Saison kann ich nicht abschalten. Da ist das Handy immer an und klingelt ständig. Ich bekomme zum Beispiel Mails und Anrufe in der Nacht von irgendwelchen Amerikanern, die irgendwas wissen wollen. So kann ich auch während der Saison keinen Urlaub nehmen. Das weiß man aber, wenn man sich den Job aussucht.

Ich habe von einem Agreement mit deiner Frau gehört, nach dem du nicht mehr als 60 Stunden die Woche arbeiten dürfen. Besteht das nach wie vor?

(Lacht) Ja, dieses Agreement besteht prinzipiell noch. Allerdings ist es schwierig, Arbeitszeit von Freizeit zu trennen. Gerade das neue Euroleague-Format erschwert das, wenn du fünf bis sechs Tage am Stück unterwegs bist. Da werden die 60 Stunden nicht eingehalten. Ansonsten kriege ich das schon hin. Wenn Sie allerdings meine Frau fragen würden würde die sicherlich etwas anderes sagen…

Ein Wort noch zu deiner privaten Zukunft: Du arbeitest nun seit sieben Jahren für den Verein. Wann wird es für dich Zeit, diesen zu verlassen? Ein Engagement bei 1860 München bahnte sich bereits an.

Sicherlich, der Fußball wäre für mich der nächste logische Schritt. Ich kann mir nur wenige Vereine außerhalb des Fußballs vorstellen, wo die Rahmenbedingungen besser wären als hier in Bamberg. Das Angebot von 1860 München kam von vornherein nur in Betracht, wenn sie die Liga gehalten hätten. Dann hätte es bestimmt noch das ein oder andere Gespräch mehr geben müssen und ich wüsste auch nicht, ob wir uns dann jetzt hier unterhalten würden. Es war natürlich reizvoll, wenn ich denke, dass es 36 solcher Jobs im deutschen Profifußball gibt und man einen davon angeboten bekommt.

Ich habe momentan den geilsten Job, den ich mir vorstellen kann.

Dann muss man sich zumindest einmal näher damit beschäftigen. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich jeden Tag darauf warte oder darauf hoffe, dass mich irgendein Fußballverein anruft. Im Gegenteil, mir geht es hier gut und ich habe momentan den geilsten Job, den ich mir vorstellen kann. Ich werde dafür bezahlt, mir Basketballspiele anzusehen und in die ein oder andere nette europäische Großstadt zu fliegen. Ich darf mich also nicht beschweren.

Über Öffentlichkeitsarbeit, Basketballherz und italienische Claims

Du sagtest, die Spieler sehen dich als Teil des Teams. Inwiefern nehmen neue Spieler dich gleich als Teil des Teams an, wenn sie sich in absehbarer Zukunft vielleicht sowieso wieder bei Top-Klubs der Euroleague oder sogar in der NBA sehen?

Wie mich die Neuen am Ende aufnehmen, kann ich jetzt nach drei Tagen nicht sagen. Aber die Spieler wissen zu 98%, dass Medien- und PR-Arbeit zu ihrem Job gehört. Die sind alle jetzt nicht so schlecht bezahlt, trainieren ein oder zweimal am Tag für jeweils zwei Stunden. Dann wissen die meisten auch, dass mal ein 15-minütiges Interview am Telefon dazu gehört. Ich mache jedem in einem persönlichen Gespräch vor der Saison klar, wie ich meine Aufgabe ihnen gegenüber sehe und was ich von ihnen erwarte.

Sie wissen, dass ich ihnen nichts Böses will. Ich gehöre da irgendwie mit dazu genauso wie ein Physiotherapeut oder Teamarzt. Ich sehe die Spieler teilweise in der Woche mehr als meine Frau und meine Familie. Wenn es dann jemanden geben würde, mit dem man überhaupt nicht kann, oder der eine komplett andere Einstellung an den Tag legt, dann würde es natürlich nicht funktionieren. Aufgrund unseres guten Scoutings gab es in dieser Hinsicht aber nie Probleme. So habe ich nach wie vor regelmäßigen Kontakt mit Spielern wie Causeur, Melli oder Wanamaker.

Die PR-Arbeit gehört zum Job der Spieler. Zu wie viel Prozent kann ein Profisportler, sagen wir Elias Harris, seine Privatsphäre dann wirklich verriegeln?


Wenn er es will zu 100%, davon bin ich ein Verfechter. Solange ich hier Mediendirektor bin, wird es keine privaten Stories von Spielern geben, es sei denn, der Spieler will das unbedingt. Für mich endet die Arbeit der Spieler vor deren Haustür. Wenn ein Spieler dann zum Beispiel über die Sozialen Medien etwas preisgibt, dann ist das sein eigenes Ding.

Brose Bamberg ist als „Basketballherz Deutschlands“ bekannt, nicht zuletzt weil man die letzten Jahre die Liga dominierte und nun als Aushängeschild des deutschen Basketballs fungiert. Woher kam der Gedanke, das Wort „Basketballherz“ zu instrumentalisieren? Ausschließlich von der beauftragten Werbeagentur?

Der Claim „Deutschlands Basketballherz“ ist hier hinten im Besprechungszimmer entstanden. Die Agentur hat nur ein Logo dafür basteln sollen. Wir haben uns dabei einfach gefragt, was man finden kann, was die Einzigartigkeit von Freak City ausmacht. Dann standen da hinten am Ende zehn bis zwölf verschiedene Wörter bzw. Claims auf einem Flipchart und am Ende ist es „Deutschlands Basketballherz“ geworden.

Meisterfeier in Bamberg mit Thorsten Vogt

Thorsten Vogt mit Nachwuchs bei der Meisterfeier in Bamberg

Deine Abteilung entwirft auch jedes Jahr zu den Play-Offs neue Mottos, wie letzte Saison den Begriff „Brovissimo“. Gehen da nicht irgendwann einmal die Ideen aus? Oder ist das allein aus Marketingzwecken wichtig, wie zum Beispiel für den Verkauf von Fanartikeln?


Bevor uns die Ideen ausgehen, muss zuerst einmal der Alkohol ausgehen (lacht). Mit dem Verkauf von Merchandising-Artikeln hat das nichts zu tun. Vor drei Jahren haben wir uns das erste Mal einen Playoff-Claim überlegt. Da sitzen wir dann zu sechst oder siebt beieinander mit einem weißen Blatt Papier und nach zwei Stunden stehen dann ein paar Wörter darauf. Zuerst fiel die Entscheidung relativ schnell auf „Bam-back“, weil wir nach dem Übergangsjahr wider Erwarten plötzlich wieder da waren und den Turnaround geschafft hatten.

Nächstes Jahr müssen wir die Italiener wieder erden.

„BAmore“ ist entstanden, da Andrea Trinchieri neu da war und wir ein bisschen den italienischen Aspekt einbringen wollten. Bei „Brovissimo“ sind wir weg von „bam“ hin zu „bro“ gegangen, aber hatten auch wieder das italienische Flair berücksichtigt. Wenn wir es in der kommenden Saison wieder in die Playoffs schaffen sollten, dann müssen wir die Italiener aber mal wieder erden und etwas Deutsches suchen.

Über die Ambitionen  in Bamberg und eine Namensänderung

Wieso muss die Metropolregion Nürnberg besser in den Verein einbezogen werden, damit man langfristig die nationale Spitzenposition bekleiden kann sowie auch international den nächsten Schritt zu gehen?


Am Ende hängt alles von Kohle ab. Momentan haben wir einen Etat von ca. 20 Millionen Euro, das ist kein Geheimnis. Das ist für deutsche Verhältnisse gut, im internationalen Vergleich ist das Platz zwölf. Um auf Dauer im Konzert der Großen mitspielen zu können, müssen wir den Etat um mindestens zehn Millionen Euro erhöhen. Diese zehn Millionen werden wir nicht mit Sponsoren aus Bamberg und der Region stemmen. Seit kurzem gibt es deswegen eine Arbeitsgruppe mit der Stadt Bamberg, einzelnen Städten aus der Metropolregion und auch dem ein oder anderen Verein. Da werden wir erst mal die nächsten zwei Jahre ausloten, was grundsätzlich möglich ist. Um einen dauerhaften Euroleague-Startplatz zu erhalten, braucht man eine Halle mit einer Mindestkapazität von 10.000 Plätzen.

Am Ende hängt alles von Kohle ab.

Diese Halle macht in Bamberg nur dann Sinn, wenn sie ansatzweise ausverkauft ist. Im Moment ist die Halle mit 6.500 Zuschauern pro Spiel voll. Also ist es einfacher, 3.500 Leute aus der Metropolregion zu holen, als 6.500 Bamberger nach, sagen wir, Nürnberg zu schicken. Wenn es eine 10.000er Halle geben sollte, wird die also definitiv in Bamberg stehen. In den nächsten zwei Jahren stellen sich also die folgenden Fragen: Schaffen wir es, dies Halle zu finanzieren? Bekommen wir Investoren her, die sich das zutrauen? Und kriegen wir die Halle dann auch voll? Dementsprechend müssen wir jetzt bei anderen Vereinen, bei Universitäten und bei Firmen Klinken putzen gehen. Denen muss schmackhaft gemacht werden, dass sich der Basketball in Bamberg lohnt.

Eine bereits vorgeschlagene Namensänderung auf Brose Metros würde sicherlich Vorteile, jedoch auch weniger positive Rückmeldungen mit sich bringen. Ist die Identifikation der Bamberger mit ihrem Klub dann in Gefahr? Wie könnte man dem vorbeugen?


Prinzipiell heißen wir seit exakt einem Jahr und 24 Tagen Brose Bamberg. Davor hießen wir zehn Jahre lang Brose Baskets. Der Großteil der Fans will hier Spitzenbasketball haben und jede Woche Moskau, Barcelona oder Mailand sehen. Wenn sie dafür vielleicht eine Namensänderung in Kauf nehmen müssten, machen das wahrscheinlich ohne Weiteres 95% mit. Es ist ja nicht so, dass die Identität des Vereins verloren gehen würde. Am Ende ist es der gleiche Verein. Ein schwieriges Thema.

Über soziale Medien und die Zukunft des Basketballs in Deutschland

Die Sozialen Medien bieten einen idealen Platz zur Vermarktung. Wie siehst du die Rolle Sozialer Medien in deinem Fachgebiet und auf welche Weise versuchst du diese bestmöglich für deine gesamte Organisation zu nutzen?


Es ist mittlerweile so, dass es Unternehmen gibt, die bei uns Verträge abschließen, die eine bestimmte Anzahl an Social Media-Posts inkludieren. Seit letzter Saison haben wir auch eine Agentur mit an Bord, mit der wir ein bisschen an der Bildsprache gearbeitet haben. Ohne Soziale Medien geht es nicht, vor allem auch, wenn man sich unsere Zielgruppe bzw. die Zielgruppe des Basketballs an und für sich ansieht. Die wenigsten schauen irgendetwas im Fernsehen, sondern es geht alles nur noch über das Internet. Es wird über kurz oder lang – da bin ich mir sicher – auch einmal das ein oder andere Live-Spiel bei Facebook geben.

Ohne soziale Medien geht es nicht.

Die BBL hat bereits damit angefangen ausschnittweise Live-Spiele zu zeigen. Wenn ich sehe, dass wir jetzt eine digitale Reichweite von 97.000 über Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat haben, müssen wir es schaffen, die Leute noch mehr zu begeistern. In dieser Saison wollen wir die Marke von 110.000 knacken. Damit wären wir die Nummer zwei hinter den Bayern, derzeit ist noch Berlin vor uns. Wir sind zwar gut aufgestellt, wenn wir jedoch weiterwachsen wollen, müssen wir auch personell aufstocken. Momentan habe ich eine Mitarbeiterin, die sich nur um Social Media kümmert. Im Vergleich dazu haben die Bayern sieben nur für Basketball, für den Fußball dann nochmal klar über 30 Mitarbeiter.

Auch Telekom Sport präsentiert sich auf sozialen Plattformen. Ist durch das Angebot eines Komplett-Pakets in Verbindung mit Fußball, Handball und Eishockey die Live-Übertragung von Spielen der gesamten BBL für die nächsten fünf Jahre abgesichert?


Wenn die Telekom weiterhin die Rechte dafür behält, dann ja. Allerdings ist es so, dass sie nur noch die kommende Saison die Lizenz an der BBL hat. Um den Sport im Ganzen populärer zu machen, müssen wir flächendeckender auftauchen und auch im Free-TV stärker präsent sein. Zum einen muss sich dafür der Live-Rechte-Inhaber öffnen. Momentan darf Sport1 ein Spiel pro Woche zeigen, mit der Vorgabe, dass sie eine Spielpaarung nicht zweimal zeigen. Also entweder nur das Hinspiel oder das Rückspiel in der Hauptrunde.

Zudem müssen sie sich vor der Saison festlegen, welche Finalspiele sie am Ende zeigen. Unter normalen Umständen nimmt Sport1 immer die Partien drei und vier, weil das potenzielle Matchball-Spiele sind. Wenn jedoch wie vor zwei Jahren eine Entscheidung erst im fünften Spiel fällt, sehen dass am Ende vielleicht nur 10.000 Leute im Internet. Ganzheitlich gesehen fehlt vor allem auch die Präsenz in Print-Medien, wie Sportbild oder Bild am Sonntag. Dafür existiert bereits ein ganzheitliches Konzept, jedoch fehlt dahingehend noch eine Einigung.

Vielen Dank für das Interview!

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