Die Fans der Wölfe lieben ihren Kapitän. Und er liebt sie. Sergio Kerusch und der MBC haben sich gefunden. Dabei war zwischenzeitlich unklar, ob sie ihn überhaupt jemals wieder sehen werden. Bei so viel Leidenschaft wurde unser Basketballherz natürlich hellhörig. Uns verriert der sympathische Deutsch-Amerikaner, was seine Beziehung zu Weißenfels so besonders macht.

„Wir gehören in die Bundesliga“

Sergio, du hast deinen Vertrag bei den Wölfen im Sommer um drei Jahre verlängert. Das ist in der kurzlebigen Basketballwelt durchaus ein Statement. Was macht den Standort Weißenfels so besonders für dich?

Weißenfels ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Die Liebe und den Rückhalt, den ich hier erfahren durfte und tagtäglich erfahre ist etwas ganz besonderes. Als ich damals erkrankte, standen der Club und die Fans entschlossen hinter mir. Das gab mir zusätzliche Kraft, den Krebs zu besiegen und wieder auf dem Feld zu stehen. Weißenfels hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Wir sind hier eine Familie.




Die Eindrücke von den ersten Spielen lassen vermuten, dass ihr eine bessere Rolle als vergangene Saison spielen könntet. Ihr habt das Pokal-Viertelfinale erreicht und in Hamburg bereits einen Auswärtssieg errungen. Was läuft dieses Jahr anders?

Der Sieg im Pokal und in Hamburg haben sich natürlich gut angefühlt. Wir müssen jetzt aber wieder in die Erfolgsspur. Wir arbeiten alle sehr hart und sind noch dabei, uns vor allem in der Defense aufeinander abzustimmen. Die Teamchemie ist jedenfalls super und ich bin mir sicher, dass wir sehr bald auf uns aufmerksam machen werden.

Im Basketball ist immer wieder von Identität die Rede. Inwieweit hat sich eure Identität als Mannschaft bereits heraus gebildet?

Nach den ersten Spielen hatten wir zunächst gedacht, unsere Identität gefunden zu haben. Wir haben sehr knappe Niederlagen einstecken müssen, aber dennoch gekämpft. Jetzt wollen wir ein Team werden, dass sich hungrig gibt und noch einiges klarstellen möchte. Auf jeden Fall wollen wir allen zeigen, dass wir in die BBL gehören. Dafür müssen wir eine Kampf-Kultur etablieren, die wir in jeder Partie zeigen. In jedem Spiel reifen wir darauf hin und sind auf einem guten Weg.

„Die Fans und der Club haben mich emotional aufgefangen“

Im Sommer 2017 wurde bei dir Hodenkrebs festgestellt. Du bist offensiv mit der Diagnose umgegangen. War das für dich von vorherein klar?

Ich bin ein offener Mensch. So bin ich dann auch mit der Erkrankung umgegangen. Für mich war das wichtig, da ich glaube, dass der Umgang mit dem Krebs, vor allem als Profi, nicht gut genug beleuchtet ist.

Du hast dich eindrucksvoll wieder zurück in die Bundesliga gekämpft. Was hat dir in der Zeit Kraft gegeben?

Das war mein Glaube an Gott und mich selbst. Natürlich standen mir meine Eltern, Verwandten und Teamkollegen dicht zur Seite. Sie haben mich stundenlang im Krankenhaus besucht. Die Weißenfelser Fans haben mich ebenfalls emotional aufgefangen. Und das hat auch der Club getan. Diese Liebe von allen Seiten zur spüren, war das, was ich in diesem Moment brauchte. Ich bin für immer dankbar für all die Unterstützung, die ich erfahren durfte.

Wie denkst du heute über diese Zeit nach? Nervst es dich manchmal, darauf angesprochen zu werden?

Nein, das nervt nicht. Ich denke, dass viele Menschen, vor allem Profisportler, in dieser Hinsicht einfach zu schlecht aufgeklärt sind. Wenn ich helfen kann mit meiner Geschichte eine Aufmerksamkeit für diese wichtige Thematik zu schaffen, freut mich das. Auch für Menschen, die derzeit erkrankt sind, kann meine Genesung und mein Comeback motivierend wirken. Da fällt es mir nicht schwer, immer und immer wieder darüber zu sprechen. Im Gegenteil, ich bin offen für den Austausch über meine Erfahrungen.




Wie hat dich diese Erfahrung als Basketballspieler verändert?

Ich war niedergeschlagen und habe sehr viel gezweifelt, obwohl ich immer ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Wenn Gift durch deinen ganzen Körper gepumpt wird, du dich bei jeder Bewegung schlecht fühlst, du an ein Krankenbett gefesselt bist oder das ausgefallene Haar auf dem Kopfkissen entdeckst, dann ist das einschneidend. Die Zeit hat mich dafür sensibilisiert, wie viel Glück ich eigentlich habe, meinen Traum als Basketballer zu leben. Gesundheit ist ein Geschenk, das wir nicht als selbstverständlich erachten sollten. So hat es mich nicht nur als Spieler, sondern auch als Menschen verändert.

„Ich war immer der Typ, der zuletzt ins Team gewählt wurde“

Kommen wir du den Anfängen deiner Karriere. Du stammst ursprünglich aus Memphis, Tennessee. Welche Bedeutung hat deine Geburtsstadt heute für dich?

Ich repräsentiere Memphis bis auf’s Blut. Ich arbeite jetzt sehr hart daran, irgendwann der Stadt etwas zurückzugeben. Die Gegend, aus der ich stamme, ist geprägt von Armut und Kriminalität. Es gibt aber auch so viel Schönes in Memphis. Das Motto unserer Stadt ist „Grid and Grind“. Das bedeutet, sich ein Herz zu fassen und wirklich alles zu geben. Dafür steht meine Heimatstadt. Die Menschen dort versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen, egal wo sie herkommen. Memphis hat eine ganz eigene Kultur. Ich liebe die Stadt.

Kerusch Weißenfels

Identifikationsfigur in Weißenfels – Sergio Kerusch (Foto: Matthias Kuch)

Wann wusstest du überhaupt, dass du Basketballprofi werden möchtest?

Als ich anfing Basketball zu spielen, habe ich es überhaupt nicht hinbekommen. Ich war immer der Typ, der zuletzt ins Team gewählt wurde. Aber als ich zehn Jahre alt war, habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich Profi werden wollte. In der High School habe ich dann Basketball gespielt und in Theatergruppen geübt. Mein damaliger Trainer hat etwas in mir gesehen, was vorher niemand gesehen hatte. Er sagte, ich sei ein guter Rebounder und hätte einen besonderen Motor in mir. Dann hat er Zeit in mein Training investiert. Das Freshman-Jahr war mein Durchbruch. Ab dann war klar, was passieren würde. Wieder war meine Mutter an meiner Seite und sagte mir, dass wenn ich einen Traum hätte, ich alles daran setzten sollte, ihn zu verwirklichen. Und das habe ich gemacht. Das hat mir geholfen heute hier zu stehen, schon seit sieben Jahren.

Dein Vater war Deutscher. Welchen Bezug hattest du zu Deutschland?

Noch vor dem Basketball habe ich Deutschunterricht gehabt und war richtig schlecht. Mein Lehrer Tim hat immer gemeint, ich hätte eine Stärke für die Sprache, obwohl er nicht wusste, dass ich zur Hälfte deutsch bin. Ich wusste, dass meine Onkel und Tanten in Deutschland leben. Ich wollte sie eines Tages unbedingt besuchen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich allerdings nicht, dass ich irgendwann mal eine deutsche Staatsbürgerschaft annehmen würde.

Hattest du denn jemals gedacht, dass du eines Tages hier spielen würdest?

Nein, das Ziel eines jeden Kindes in den USA ist es, in der NBA zu spielen. So war es auch bei mir. Ich hatte ein ziemlich gutes College-Jahr und brach mir dann den Fuß. Dann kam ein Agent auf mich zu und erzählte mir von den Möglichkeiten für mich in Europa zu spielen. Ich bin froh, dass das so passiert ist.

Deine erste Station in Europa war Aris Thessaloniki. Welche Bedeutung hatte der Wechsel für dich rückblickend?

Das Team spielte im Europe Cup und ich sah eine große Chance auf mich zukommen. Dort habe ich mich wirklich sehr gut präsentiert, auch im Cup. Von dem Zeitpunkt an, wurde ich in der europäischen Basketballwelt gesehen. Auch deutsche Teams hatten schon Interesse angekündigt. Mit dem deutschen Pass war das natürlich auch perfekt.

In Deutschland konntest du zuerst nur schwer Fuß fassen. Du bist 2012 zu den Artland Dragons gegangen. Im folgenden Jahr warst du lange verletzt und hast sogar kein einziges Pflichtspiel absolviert. In Bremerhaven hast du ebenfalls eine komplette Saison ausgesetzt. Hast du in der Zeit auch mal an deiner Karriere gezweifelt?

Ich war jung, talentiert und hatte noch keine richtige Richtung im Profi-Dasein. Damals wusste ich noch nicht, dass Basketball zum großen Teil ein hartes Business ist und du schauen musst, wo du bleibst. Jeden Abend ging ich nach Hause, starrte gegen die Wand und überlegte, wie ich besser werden konnte. Ich machte mir Gedanken. Ist Basketball wirklich etwas für mich? Will ich diesen Lebensstil? Jeder hat mal Zweifel, aber ich bin vom Charakter her jemand, der es gerne allen beweist, wenn sie an ihm zweifeln. Ich bin der Meinung, dass ich alles sein kann, was ich mir zum Ziel gesetzt habe. Auch jetzt habe ich immer noch etwas, was ich mir beweisen möchte.

2016 kam dann der Wechsel zum MBC. Du wurdest zum Aufstiegshelden und bist heute als „Gesicht der Mannschaft“ kaum mehr aus Weißenfels wegzudenken. Es scheint als wärst du als Basketballer und Mensch in Deutschland angekommen. Was war in Weißenfels anders?

In Weißenfels nahm man mich nicht nur als Profi auf, sondern als eine Art Familienmitglied. Mir war schnell bewusst, dass für mich hier alles zusammenpasste. Die Organisation, die Fans und die Möglichkeiten, die sich mir boten, waren optimal. Man schätzte mich nicht nur für meine Spielweise, sondern auch für meinen Charakter.

„Jeder Athlet sollte für Offenheit und Respekt einstehen“

Im November spielt ihr Zuhause gegen Bayern München. Das Spiel wurde als „Care for Climate Game“ ausgerufen. Zuvor gab es bei einem eurer Heimspiele einen rassistischen Vorfall. Alba Berlin hat in der Zwischenzeit seinen Cheerleadern gekündigt, weil es nicht mehr „zeitgemäß“ sei. Es scheint, als würden gesellschaftliche Themen auch im Basketball verhandelt. Siehst du es als deine Aufgabe, dich als Profissportler dazu zu äußern?

Ich schließe mich da unserem Geschäftsführer Martin Geissler an. Unsere Cheerleader lieben, was sie tun und verzaubern die Stadthalle. Sie gehören einfach zu uns. Hingegen alles, was Menschen herabsetzt oder diskriminiert auf Grund von Kultur, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion ist absurd. Grundsätzlich sollte jeder gleichbehandelt und respektiert werden. Als Afro-Amerikaner mit deutschen Wurzeln glaube ich, dass jeder Mensch Respekt verdient. Jeder Athlet sollte für das einstehen, was richtig ist. Und das ist meiner Meinung nach Offenheit und Respekt. Dafür müssen wir uns alle stark machen. Es kostet nichts ein guter und respektvoller Mensch zu sein.




Welche Rolle spielen für dich soziale Medien?

Ich bin gar nicht mehr so viel auf Social Media, wie in meinen ersten zwei Jahren hier. Jetzt interessiert mich eher was in den USA so los ist, was meine Freunde und Verwandten alles so anstellen. Soziale Medien sind eigentlich der größte Nachrichtenkanal, den es gibt. Seien es Infos über Freunde, Nachrichten oder Sport. Ich hoffe durch meine Postings ein paar Leute zum Lächeln zu bringen und dadurch Positivität auszusenden. Deswegen tanze ich auch so gerne in Videos mit einem großen Grinsen auf dem Gesicht. Ich mag die sozialen Medien.

Man kennt dich als Spieler, der mit viel Energie spielt. „Kerusch is on fire“ wurde in Weißenfels zu deinem persönlichen Fangesang. Woher nimmst du deine Energie?

Ich nehme meine Energie aus meiner positiven Lebenseinstellung. Der Krebs hat mich vieles gelehrt. Vor allem, dass nichts selbstverständlich ist. Gesund und ohne Schmerzen aufzuwachen, ist ein Segen. Viele Menschen vergessen das immer wieder. Ich habe auf meinem persönlichen Werdegang herbe Rückschläge überwunden. Der Glaube an mich selbst, die Menschen, die mich umgeben und eine tiefe Dankbarkeit für alles, was ich bisher erreicht habe, geben mir Kraft. Ich bin einfach ein Energie-Typ und ein emotionaler Spieler.

„Ich habe den Leuten noch einiges zu beweisen!“

Was können die Fans in dieser Saison außer deines „Feuers“ noch erwarten?

Ich möchte wieder konstant Leistung bringen. Es schlummert in mir, ich muss es eben nur abrufen können. Das habe ich mir für diese Saison vorgenommen. Zwar denken schon manche, dass meine Zeit vorbei ist, aber ich habe noch einiges abzuliefern und das will ich auch beweisen. Du darfst dich nicht zu sehr auf die Vergangenheit konzentrieren. Erst spielte ich stark, dann war ich „on fire“, dann besiegte ich den Krebs, jetzt schauen die Menschen anders auf mich, manche zweifeln. Ja, ich hatte gute Jahre, aber ich bin immer noch nicht da, wo ich eigentlich hin will. Ich habe immer noch eine Liste mit Dingen, die ich erreichen will, vorliegen. Vor allem mit dem Team, was wir jetzt gerade haben, habe ich dafür ein gutes Gefühl. Nehmt euch in Acht.

Was möchtest du nach deiner aktiven Laufbahn machen? Bleibst du dem Basketball erhalten?

Wenn ich mit dem Basketball aufhöre, würde ich gerne ins Fernsehen. Schauspiel ist meine zweite Liebe und ich fände es schön, Werbungen zu drehen oder in der einen oder anderen Show aufzutreten. Mein Hauptziel wird jedoch sein, etwas zurückzugeben. Basketball hat mir so viel gegeben in all diesen Jahren, ich habe viel durchgestanden. Darüber möchte ich auch ein Buch schreiben. Aber nicht nur über die Schönen Seiten, sondern auch die dunklen Kapitel. Mein Plan ist es längerfristig nach Memphis zurückzukehren, um dort Kindern und Jugendlichen aus den ärmlichen Vierteln zu helfen, eine Zukunftsperspektive zu entwickeln. Diese Kids kennen fast nur Kriminalität und sehen oftmals keinen Ausweg außer durch Gewalt. Ihnen möchte ich gerne helfen, Alternativen zu finden. Vielleicht bleibe ich aber auch in Deutschland. Wer weiß das schon.

Sergio, vielen Dank für das inspirierende Gespräch! (07.10.2019)

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