Und wieder geht ein „Steeeve“ durch die Bayreuther Oberfrankenhalle. Steve Wachalski steht mit ausgestreckten Armen am Perimeter und hat das orangene Leder gerade in Richtung Korb abgedrückt. Der Dreier ist definitiv die größte Waffe des basketballerischen Spätstarters. Bei einem gemütlichen Gespräch verrät Steve Basketballherz, wieso mit seinen inzwischen 35 Jahren lange noch nicht Schluss ist und warum er sich mit seiner Familie in Bayreuth wie im Paradies fühlt.

Spätstarter in Tennisschuhen

Steve, du bist 1983 in Köthen (Sachsen-Anhalt) geboren, allerdings im Westen aufgewachsen. Wie kam es dazu?

Als ich sieben Jahre alt war, zogen meine Eltern berufsbedingt nach Lingen im Emsland. An die Zeit vor der Wende kann ich mich gar nicht mehr richtig erinnern.

Wann war für dich klar, dass Basketball deine Sportart ist?

Das war ziemlich spät, da ich ein begeisterter Tennis- und Fußballspieler war. Mit 15 Jahren wurde ich von meiner Mutter zum Basketballtraining geschickt, weil ich ziemlich groß war. Mein erstes Training absolvierte ich mit Tennisschuhen. Basketball hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich der Sportart von da an verfallen war. Ein Jahr später entschied ich mich, nur noch Basketball zu spielen, da drei Sportarten zeitlich nicht miteinander vereinbar waren.




Hattest du in deiner Jugend sportliche Vorbilder?

Vorbilder waren immer meine Eltern – sie waren in der DDR sehr erfolgreiche Sportler. Mit 16 Jahren war ich Fan von Kobe Bryant.

Steve, mit 20 Jahren hattest du ein kurzes Intermezzo bei den Artland Dragons in der Bundesliga. Welche Erfahrungen konntest du dort sammeln?

Das war für mich absolutes Neuland. Ich hatte keine Ahnung von Systemen, konnte nicht einmal mit links einen Korbleger machen. Aber in Osnabrück hatte man trotzdem mein Talent erkannt und so empfahl ich mich Chris Fleming, dem damaligen Trainer der Dragons. Dadurch war ich ein Trainingsspieler in Quakenbrück und konnte Bundesligaluft schnuppern. Beim ersten Training zeigte mir der damalige Aufbauspieler Michael Jordan, was man alles mit dem Ball machen kann. Es folgte noch richtiges Krafttraining. Danach konnte ich nicht mehr richtig laufen (lacht). Aber es war eine tolle Erfahrung, auch die Atmosphäre in den Hallen zu genießen.

Steve Wachalski

Basketballherz zu Gast bei Steve Wachalski

Zwischen Bonn und Bayreuth

Sieben Jahre später das Debüt in der Beletage mit dem BBC Bayreuth. Hast du selbst noch daran gedacht, den Sprung in die Bundesliga zu schaffen, Steve?

Ja, da ich auch schon früher Angebote aus der ersten Liga hatte. Allerdings traute ich mir den Schritt selbst nicht zu. Außerdem wollte ich eigentlich mit den GiroLive-Ballers Osnabrück in die Bundesliga aufsteigen. 2010 gingen diese allerdings insolvent und ich erwischte in dieser Saison zwei richtig gute Spiele gegen Bayreuth. Dadurch kontaktierte mich der damalige Coach Andreas Wagner und ich sagte mir: Jetzt oder nie!

Steve, du hast in deiner letzten Saison in Bonn 2014/15 deine Freundin kennen gelernt. Wie schwer fiel dir der Schritt, wieder nach Bayreuth zurückzukehren?

Aus sportlicher Sicht war es eine einfache Entscheidung. Ich kannte Bayreuth, mochte die Menschen und die Gegend. Ich wusste, was mich erwartet. Auch, wenn es sportlich in meiner Rookie-Saison hier nicht so gut lief, lernte ich in dieser Zeit sehr viel. Auf der privaten Ebene war es deutlich schwerer. Sabine und ich kamen erst kurz vor Saisonende zusammen. Fernbeziehungen sind natürlich nicht immer einfach. Da ich nicht oft nach Bonn fahren konnte, investierte sie sehr viel Zeit und Energie. Dafür bin ich ihr heute noch sehr dankbar. Inzwischen wohnen wir gemeinsam in der Nähe von Bayreuth und sind eine kleine Familie mit unserem einjährigen Sohn geworden.

Mit eurem Hund seid ihr inzwischen sogar zu viert. War die Eingewöhnung in und um Bayreuth schwer?

Eigentlich wollte ich meine Karriere in Bonn beenden. Da aber die Vertragskonditionen nicht passten und Michael Koch mir ein interessantes Angebot von medi bayreuth vorlegte, musste ich nicht lange überlegen. Zudem ist Bayreuth eine tolle Stadt mit einem tollen Verein. Von daher war die Eingewöhnung überhaupt nicht schwer.

Was sind die Lieblingsorte von Steve Wachalski in der Wagnerstadt?

Ich mag es überall dort, wo wir unseren Hund mitnehmen können. Beispielsweise bietet sich die Eremitage hervorragend an. Oder auch die Fränkische Schweiz, da kann ich als begeisterter Motorradfahrer Gas geben. Deshalb ist es hier wie ein Paradies für mich.

Plötzlich Playoffs

Wie hast du den Abgang der Bayreuther Legende Michael Koch mitbekommen bzw. wahrgenommen?

Genauso wie die Fans war ich anfangs etwas überrascht. Schließlich hatten wir in der Saison 2015/16 das beste Endresultat seit dem Wiederaufstieg erzielt. Da er mich hierher lotste, hatte ich danach Ungewissheit, ob mich der neue Trainer überhaupt berücksichtigt. Zum Glück hat aber alles funktioniert und Raoul Korner hat auf mich gesetzt.




Kanntest du Raoul Korner schon vor seinem Engagement in Bayreuth?

Nur als Trainer der gegnerischen Mannschaft. Er fügte uns mit den Braunschweigern eine Niederlage zuhause mit 40 Punkten zu. Das bleibt hängen (lacht).

Steve, was sind die Unterschiede zwischen Coach Korner und Coach Koch?

Michael gibt dir als Spieler mehr Freiheiten. Raoul ist strukturierter. Auch er gibt dir Gelegenheit, deine Stärken ins Spiel einzubringen. Aber er holt dich auch schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn du experimentieren willst.

Seid ihr wegen dieser Art des Coachings zum Playoff-Team gereift?

Nein, auch das Scouting von Raoul und Lars Masell ist überragend. Die Neuen passen perfekt nach Bayreuth, wir harmonieren als Team. Sowohl außerhalb des Spielfeldes, als auch auf dem Court. Es gibt keinen Störfaktor.

Steve und der Dreier

Mit James Robinson habt ihr dieses Jahr wieder einen jungen Pointguard, der euch führt. Muss sich ein solcher Spieler bei den Erfahrenen erst beweisen und Respekt erarbeiten?

Bei mir muss sich kein Mitspieler beweisen. Ich vertraue auf das Scouting unseres Coaches. Letztes Jahr war es etwas schwieriger für mich, meine Stärken zu zeigen, da Kyan Anderson eher der Scorer war. Aber mit James haben wir jetzt einen Pass-first-Guard, der zuerst den freien Mann sucht, anstatt selbst zu punkten. Von daher profitiere ich diese Saison mehr von unserem Pointguard.

Deine große Stärke liegt bekanntlich jenseits der 6,75m Linie. War der 3-Punkte-Wurf schon immer deine Waffe, Steve?

Das hat sich mit der Zeit entwickelt. Anfangs konnte ich Vieles mit meiner Athletik kompensieren. Aber in der Bundesliga musst du schon ein größeres Paket mitbringen. Von daher musste ich vermehrt an meinem Wurf arbeiten. Und da die Athletik mit dem Alter etwas nachlässt, habe ich mich immer mehr auf diesen konzentriert. Mittlerweile sage ich mir: Drei Punkte sind doch besser als zwei (lacht).

Ist das auch der Grund, warum du auch fast nie Small Forward spielst?

Gegen kleine, flinke Forwards würde ich große Probleme bekommen. Von daher weiche ich wenn dann lieber auf die Position des Centers aus, sollte das notwendig sein.

medi bayreuth spielt immer auf einem hohen Energielevel. Merkt ihr das auf dem Feld auch?

Wenn die Energie erst einmal da ist, dann werden wir davon getragen (lacht). Aber gerade zu Saisonbeginn starteten wir in viele Spiele schlecht. Wenn wir dann aber irgendwann die Power aufs Feld bringen, glauben wir an uns und es läuft. Dann helfen uns natürlich auch unsere Fans. Die Oberfrankenhalle ist klein, aber die Stimmung ist echt krass.

Mit Bayreuth in Europa

Thematisiert Raoul Korner eure Einstellung und die Energie in den Ansprachen vor dem Spiel?

Natürlich sollen wir alle Spiele mit der gleichen Einstellung angehen. Es darf keinen Unterschied machen, ob du gegen Bamberg oder Tübingen spielst. Du willst als Basketballer jeden Gegner vernichten. Führst du mit 20 Punkten, willst du mit 30 gewinnen. Liegst du mit 10 Punkten im Rückstand, willst du das Spiel noch drehen. Und das ist aktuell unser Problem. Wir glauben an uns, denn wir wissen, was wir können. Deswegen drehen wir auch viele Spiele noch. Aber, wenn du gegen die guten Teams mit 20 im Rückstand bist, kommst du nicht mehr zurück. Von daher ist das unsere große Baustelle. Wir geben uns momentan damit zufrieden, Spiele knapp zu gewinnen.

Wie wirkt sich die Doppelbelastung mit Bundesliga und Champions League auf euch aus?

Ein Spieler will spielen. Wenn du eine Woche bis zum nächsten Spiel warten musst, kann es auch ein Nachteil sein. Durch die internationalen Spiele bleibst du besser im Rhythmus und dein Körper bleibt immer on fire. Natürlich sind die Reisen auch anstrengend, aber insgesamt empfinde ich das als Vorteil.




Wie fühlt es sich an, wenn die ganze Halle „Steeeve“ schreit?

Immer dann setze ich zum Dreier an, der hoffentlich fällt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich es manchmal durch den Fokus auf das Spiel gar nicht wahrnehme. Aber es ist schon einzigartig und toll, wenn die ganze Halle deinen Namen ruft. Ursprünglich stammt der „Steeeve“ aus Bonn, aber in Bayreuth ist es lauter. Selbst beim Gastspiel in Bonn riefen einige noch meinen Namen. Das macht einen stolz.

Steve, was ist diese Saison sowohl national als auch international möglich?

Nach der Hauptrunde können wir in der Bundesliga durchaus Dritter sein. Bayern und Bamberg in einem Spiel zu schlagen ist möglich. In einer Serie wird es aber sehr schwer. Zuhause sind wir echt bärenstark. Vielleicht ist tatsächlich noch mehr drin als letzte Saison. International sieht es ebenfalls gut aus. Seit Dienstag stehen wir in den Playoffs. Jetzt ist es gar nicht mehr so weit bis ins Top Four. Warum sollte Bayreuth nicht auf Europas Basketball-Landkarte auftauchen? Nichts ist unmöglich.

Auf keinen Fall Trainer

Denkst du, dass die Bundesliga Jahr für Jahr stärker wird?

Wenn ich auf meine erste Saison beim BBC Bayreuth zurückblicke, standen dort die üblichen Verdächtigen mit ALBA, Bamberg, oder auch noch die Artland Dragons an der Spitze. Ab Platz zehn war damals ein deutlicher Leistungsabfall zu merken. Das hat sich grundlegend geändert. Aktuell kann jeder jeden schlagen.

Würdest du eine BBL mit 16 Mannschaften bevorzugen?

Nein, denn dadurch würden kleinere Teams übergangen werden. Beispielsweise würde dann eventuell der MBC darunter leiden. Eine strukturschwache Region, wo es schwieriger ist, Sponsorengelder zu akquirieren. Aber der Verein macht aus seinen finanziellen Möglichkeiten das Beste. Davor muss ich wirklich den Hut ziehen. Das spürst du aber erst dann, wenn du selbst dort aktiv warst. Obwohl sie nie die Möglichkeiten wie andere Teams haben werden, haben sie definitiv die Berechtigung in der ersten Liga zu spielen.

Zurückblickend auf deine Karriere – von welchem Trainer hast du am meisten profitiert?

Definitiv ist da Markus Ober aus Lingen zu erwähnen. Denn ohne ihn würde ich jetzt keinen Basketball spielen. Nicht vergessen darf ich auch meinen langjährigen Osnabrücker Coach Dimitris Polychroniadis. Am meisten gelernt habe ich jedoch von Silvano Poropat, meinem Coach beim MBC, der inzwischen in Holland trainiert. Wir haben auch ab und an noch Kontakt. Und natürlich unser aktueller Coach.

Hast du zu ehemaligen Mannschaftskollegen regelmäßigen Kontakt?

Ja, Phillipp Heyden ist einer meiner besten Kumpels. Oder auch Flo Koch, David McCray und Andrej Mangold. Also viele ehemalige Mitspieler, vor allem aus meiner Zeit in Bonn.

Wie lange möchtest du noch professionell Basketball spielen Steve?

Solange es mein Körper noch mitmacht und ich Spaß daran habe. Definitiv nicht „auf Teufel komm raus“ oder wegen des Geldes. Aber meine Spielweise ist nicht übermäßig verschleißend, von daher sollten schon noch zwei, drei Jahre auf diesem Niveau gehen.

Und was machst du nach deiner aktiven Karriere?

Auf jeden Fall werde ich kein Trainer. Und ich möchte mich vom Basketball etwas distanzieren. Eventuell will ich zur Polizei oder zum Bundesgrenzschutz. Meine volle Konzentration gilt aber aktuell dem Basketball. Und hoffentlich kann ich auch hier meine Karriere beenden. Schließlich möchten Sabine und ich hier sesshaft werden. Bayreuth ist unsere Heimat und unser Sohn wurde hier geboren.

Danke für die Einladung und das sehr offene Interview.

 

Anne Panther: „Das perfekte Spiel gibt es nicht.“

Jonas Grof: „Er war wie ein zweiter Vater für mich.“

zurück

 

Lass auch du unser Herz höher schlagen: