Wer bereits mit 16 Jahren den eigenen Kontinent verlässt, um in einem anderen Land Basketball zu spielen, hat definitiv große Ziele. Als Sebastián Esteban Herrera Kratzborn den Sprung nach Deutschland wagte, wollte er Basketball-Profi werden. Dieses Ziel hat er nun mit 20 Jahren bereits erreicht. Seit dieser Saison spielt er nicht mehr in seiner zweiten Heimat Trier, sondern wechselte zu den ambitionierten Crailsheim Merlins. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er demnächst auch in der Bundesliga zu sehen ist.

Chile anstatt Deutschland

Sebastián, deine Mutter ist aus München, aufgewachsen bist du aber in der Heimat deines Vaters in Chile. Warum kam es dazu?

Kurz bevor sich meine Eltern in Chile kennen lernten, hat mein Vater in seiner Heimat eine Firma gegründet. Da er dadurch einen sicheren Job hatte, zog meine Mama zu ihm nach Südamerika.




Dort hast du eine deutschsprachige Schule besucht. Gesprochen hast du daheim aber nur spanisch. Wie gut ist dein deutsch?

Bis zur neunten Klasse besuchte ich eine Schweizer Schule in Santiago. Dort lernte ich die Basics, wollte aber eigentlich zu keiner Zeit deutsch lernen. Die zehnte Klasse absolvierte ich in einer normalen chilenischen Schule, ehe ich dann mit 16 Jahren nach Deutschland ging.

Du hattest bereits in der ersten chilenischen Liga gespielt, wurdest sogar Meister. Wieso bist du dann mit 16 Jahren ins Ausland gewechselt?

Während ich mit der chilenischen Nationalmannschaft beim traditionellen Albert-Schweitzer-Turnier 2014 in Deutschland spielte, wurden einige Agenten auf mich aufmerksam. Da diese wussten, dass ich auch die deutsche Staatsbürgerschaft habe, hatten wir relativ schnell Kontakt geknüpft. Und weil der deutsche Basketball besser als der chilenische ist, fiel mir die Entscheidung nicht schwer hierher zu kommen.

Der „Glücksfall“ Insolvenz

Wie war für dich diese plötzliche Umstellung? Nicht mehr das große Santiago, sondern das beschauliche Trier?

Es war kein Kulturschock, aber es war grundlegend anders. 6 Millionen Einwohner dort, gut 100.000 Einwohner hier. Trier ist eine wunderbare Stadt, ich fühlte mich dort sehr wohl und lernte viele Freunde kennen. Nach wie vor habe ich auch mit einigen Spielern und Verantwortlichen der Gladiators Kontakt. Diese Stadt ist mir ans Herz gewachsen.

Wie hast du die Insolvenz der TBB Trier mitbekommen?

Für mich war es Schock und Glücksfall zugleich. Ich spielte in Trier zu dieser Zeit in der NBBL. Die Insolvenz hat den Jugendbereich nicht betroffen, sondern lediglich die Profimannschaft. Deswegen hatte ich auch keine Probleme mit der Wohnung oder ähnlichem. Weil Trier in der darauf folgenden Saison in der PRO A antrat, bekam ich einen Platz im Profikader.

Nach zwei Jahren im Kader der Gladiators Trier bist du nun zu den Zauberern nach Crailsheim gewechselt. Was waren deine Beweggründe für den Wechsel?

Ganz klar die sehr ambitionierten Ziele der Crailsheim Merlins, nämlich der Aufstieg in die Bundesliga. Das deckt sich auch mit meinen Vorstellungen und Plänen.

 Mit Crailsheim zu Gast in der Heimat

Du hast vor kurzem mit den Crailsheim Merlins in Trier gespielt. Wie war es, das erste Mal als Gast in der Arena Trier aufzulaufen?

Es war trotz der knappen Niederlage ein tolles Gefühl wieder in Trier gewesen zu sein. Ich habe fast nur schöne Erinnerungen an Trier.

Sebastián Esteban Herrera Kratzborn in der A-Nationalmannschaft Chiles. Was ist das für ein Gefühl für dich?

Es ist etwas ganz Besonderes für die Nationalmannschaft zu spielen.




Wie wurdest du von den erfahrenen Spielern aufgenommen?

Sehr gut. Ich kannte viele Spieler schon. Von daher gab es keinerlei  Anpassungsprobleme.

Chile statt Crailsheim für Sebastián Herrera

Mit 20 Jahren ist Sebastián Herrera bereits Nationalspieler (Foto: fiba.basketball)

Wann wird der chilenische Basketball wieder so erfolgreich sein wie in den 1950er Jahren, als ihr zweimal WM-Dritter wurdet?

In den letzten Jahren hatten wir gute Jugend-Nationalmannschaften. Dementsprechend kann der chilenische Basketball positiv in die Zukunft blicken. Auch wenn die nationale Liga Jahr für Jahr an Qualität gewinnt, empfehle ich jedem guten Spieler, ins Ausland zu wechseln. International kann man viel mehr Erfahrungen sammeln als im nationalen Wettbewerb Chiles. Beispielsweise haben innerhalb Südamerikas Argentinien, Brasilien und mit Abstrichen Venezuela qulitativ gute Ligen.

„Jeder ist für den anderen da.“

In Crailsheim seid ihr momentan sehr erfolgreich. Was ist euer Erfolgsrezept?

Ich glaube, dass es die Kombination aus Talent und Zusammenspiel ist. Wir haben sehr namhafte Spieler, aber ein Team ist nur dann erfolgreich, wenn die einzelnen Spieler sich schätzen und gemeinsam ein Ziel verfolgen. Das will auch unser Coach Iisalo sehen. Wir haben einen großen, ausgeglichenen Kader und einer ist immer für den anderen da.

PRO A – brutal ausgeglichen

Was sind aus deiner Sicht die größten Konkurrenten im Aufstiegsrennen?

Die Liga ist dieses Jahr sehr ausgeglichen. Bis Platz 10 traue ich es jeder Mannschaft zu. Zu aller erst muss man in die Playoffs kommen. Danach werden die Karten neu gemischt. Aber Vechta, Köln, Trier und Hagen erwarte ich spätestens in den Playoffs richtig gut.

Dein ehemaliger Trierer Coach Marco van den Berg sagte, dass Sebastián Herrera irgendwann in der Bundesliga spielt. Ist es nächste Saison mit Crailsheim schon soweit?

Ja, wir haben eine große Chance. Aber wir müssen tagtäglich hart arbeiten und uns Stück für Stück verbessern. Auch wenn es aktuell in der Tabelle sehr gut aussieht – wir haben viele Spiele nur knapp gewonnen.

Was sind deine sportlichen Ziele? Dein erstes Ziel, Basketball-Profi zu werden, hast du ja bereits erreicht.

Ich denke erst einmal von Schritt zu Schritt. Mein nächstes Ziel ist es, in der Bundesliga Fuß zu fassen. Danach möchte ich bei einer guten Bundesligamannschaft viele Minuten spielen. Vielleicht geht auch mein Traum in Erfüllung – eines Tages in der EuroLeague zu spielen.

Vielen Dank für das angenehme Interview (auf deutsch).

zum Interview mit Stefan Schmidt

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