Manchmal bringt erst der Schritt zurück einen wirklich voran. Das trifft definitiv auch bei Joshiko Saibou zu. Denn wer weiß, bei welchem Klub er aktuell unter Vertrag wäre, hätte er sich nicht zwischenzeitlich auf ein Engagement in Gießen in der ProA eingelassen. Dort war er auf einmal derjenige, der Verantwortung übernehmen musste und eine wichtige Rolle im Team innehatte. Eine wichtige Erfahrung, die ihm sicher half, zu dem zu werden, was er mittlerweile ist: Nationalspieler und Verantwortungsträger bei ALBA BERLIN.

Von Berlin an die Mosel

Du hast mit 6 Jahren angefangen Basketball im Verein zu spielen. Wie kamst du ursprünglich zum Basketball und waren in deiner Jugend auch andere Sportarten interessant?

Ich bin, so wie viele andere bestimmt auch, bei einem Kumpel mit zum Training gegangen und Basketball hat mir direkt zugesagt. In meiner Jugend habe ich schon immer viele Ballsportarten betrieben. Zum Beispiel habe ich als ganz kleiner Junge Fußball gespielt und parallel zum Basketball habe ich noch zwei bis drei Jahre Tennis gespielt. Allerdings merkte ich dann relativ schnell, dass ich mich entscheiden muss und bin dann beim Basketball kleben geblieben.




Du warst an der High-School in Washington und anschließend wechselte du zu ALBA in den NBBL-Kader. War für dich klar, dass nach der High-School dein Weg in Berlin weitergeht? 

In den USA war ich zu einem Austauschjahr. Basketball hat dabei natürlich eine Rolle gespielt, aber in erster Linie lagen die Gründe nach Amerika zu gehen darin, eine andere Kultur sowie eine andere Sprache kennen zu lernen und auch selbstständiger zu werden. Als ich dann zurückgekommen bin, bin ich relativ schnell ins ALBA-System eingegliedert worden und bin zu Henrik Rödl in die NBBL gegangen. 

Nach deinem Abitur hast du deinen ersten Profivertrag bei ALBA unterschrieben, kamst hier allerdings nur zu einzelnen Kurzeinsätzen und wurdest hauptsächlich in der Pro B Mannschaft von ALBA eingesetzt. 2011 bist du dann nach Trier in die BBL gewechselt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?  

Das war natürlich ein riesiger Schritt für mich, da ich in Berlin aufgewachsen bin und hier mein ganzes Umfeld und meine Familie hatte. Das war auch der Punkt, an dem ich mir gesagt habe:  Ich muss aus Berlin weg, um dadurch den nächsten Schritt gehen zu können. Ich war spielerisch einfach noch nicht so weit, um bei ALBA die Rolle spielen zu können, die ich gerne gespielt hätte. In Trier habe ich dann versucht mich in der Liga zu etablieren.

Kein schönes Gefühl

Welchen Einfluss hatte Henrik Rödl auf die Karriere von Joshiko Saibou? 

Zu Beginn auf jeden Fall einen sehr großen. Als ich aus den USA wiedergekommen bin, war ich zwar schon talentiert und habe gerne Basketball gespielt, jedoch war ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich das auch zum Beruf machen möchte. In der NBBL bei ALBA kam Henrik mit sehr professionellen Strukturen und einer riesigen Erfahrung an. Er hat eine richtig professionelle Linie, auf der man sich wirklich verbessert hat und damit konstruktiv arbeiten konnte, zur Verfügung gestellt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann auch gemerkt, dass Basketball mein Beruf werden sollte. Er hatte damals Vertrauen in mich. Die Entscheidung professionell Basketball zu spielen, habe ich zu einem großen Teil ihm zu verdanken. 

Nach 2 Saisons in Trier hast du dich dazu entschieden, in die Pro A zu den gerade abgestiegenen Gießen 46ers zu wechseln. Dort wurdest du zum Kapitän und hast gute Werte aufgelegt. Außerdem habt ihr das Halbfinale der Playoffs erreicht. Wie kam es dazu, dass du dich für einen Wechsel in die Pro A entschieden hast?

Für mich war schon immer – genauso wie heute auch noch – die Mission, der beste Basketballer wie möglich zu werden. So denke ich bis heute und das war für mich ein Schritt, der hierfür notwendig war. Ich glaube, dass das vielleicht sogar der wichtigste Schritt in meiner Karriere gewesen sein könnte. Einen Schritt zurück zu gehen, weil ich dort wirklich die Möglichkeit hatte, mich weiterzuentwickeln, eine große Rolle zu spielen und natürlich andere Sachen zu lernen, die man sonst vielleicht nicht lernt. Damit meine ich zum Beispiel, als Kapitän Verantwortung für sich selbst und die Teammitglieder zu übernehmen oder sich auf sozialer Ebene weiter zu entwickeln. Für mich war das Jahr in der Pro A immens prägend für meine gesamte Basketballkarriere.

Zur Saison 2014/15 hast du den Sprung in die BBL erneut gewagt und bist zum damaligen Aufsteiger aus Crailsheim gewechselt. Dort konntest du mit guten Leistungen auf dich aufmerksam machen und warst auch zweimal in der Starting 5. Leider hat es am Schluss jedoch nicht zum Klassenerhalt gereicht. Was ging dir damals durch den Kopf, wenn man nach guten Leistungen dennoch absteigt?

Es war auf jeden Fall ein hartes Jahr für mich. Individuell habe ich eine gute Saison gespielt, aber als Team sind wir leider abgestiegen und haben unser Saisonziel Klassenerhalt nicht erreichen können. So viel zu verlieren ist einfach hart. Jeden Tag arbeitet man daran, so gut wie möglich selber zu werden, aber auch als Team natürlich zusammen zu finden und Wege zu finden, um zu gewinnen. Leider ist uns das nicht so oft gelungen. Dennoch war es keine schlechte Erfahrung für mich. Ganz im Gegenteil: Ich würde sagen, dass es eine wichtige Erfahrung in meiner Karriere war. Aber insgesamt war es schon schwer, mit guten individuellen Leistungen als Mannschaft abzusteigen. Das war kein schönes Gefühl.

Aufgedreht bei ALBA

Anschließend bist du nach Würzburg gewechselt und konntest trotz deiner guten Leistungen in Crailsheim nicht richtig Fuß fassen. In der darauffolgenden Saison bist du dann nach Gießen gewechselt und hast dort wiederum eine sehr gute Saison gespielt. Wie fühlt man sich als Spieler, wenn man erst einen Schritt zurück macht und dann bei einem anderen Verein wieder Vertrauen geschenkt bekommt?

Ich habe generell die Einstellung, dass ich mit mir selbst in Konkurrenz stehe. Oft habe ich in meiner Karriere schon gehört, dass ich beispielsweise zu klein oder zu langsam bin. Aber ich glaube wichtig ist einfach, bei sich zu bleiben. Und ich hatte schon immer eine klare Vision, wie ich mein Spiel gestalten möchte. Vielleicht war es in dem Jahr in Würzburg einfach nicht die Vision, die sich Doug Spradley gewünscht hatte oder er hatte mich auf einer anderen Position gesehen, oder was auch immer am Ende die Gründe waren, dass ich nicht das Jahr spielen konnte, was ich wollte. Letztendlich habe ich die Zeit trotzdem gut genutzt, um mich weiterzuentwickeln, was dann wiederum im nächsten Jahr gut zu sehen war. Ich glaube langfristig zu denken ist in solchen Situationen einfachen immens wichtig. Das habe ich damals getan und bin jetzt natürlich umso glücklicher, dass ich mir immer treu geblieben bin.

Nach einigen Jahren bei verschiedenen Vereinen ist Joshiko Saibou wieder bei ALBA angekommen. Deine Verpflichtung wurde bereits Anfang Juni bekannt gegeben, als der neue Trainer noch gar nicht fix war. War es dein Ziel, irgendwann wieder für ALBA zu spielen? Hast du vielleicht sogar gehofft, dass ALBA nach deiner guten Saison in Gießen auf dich aufmerksam wird?

Ganz so konkret hatte ich das Ziel nicht, aber mir war natürlich klar, dass je besser ich spielen werde, umso bessere Teams auch Interesse an mir haben werden. Und genau das ist dann auch nach dem Jahr in Gießen passiert. Mehrere Teams hatten Interesse und für mich hat die Situation in Berlin einfach am besten gepasst. Nachdem ich mich mit Himar (Anm. d. Red. Himar Ojeda – Sportdirektor ALBA Berlin) getroffen hatte, war relativ schnell klar, dass die Philosophien zusammenpassen, was immer sehr wichtig ist. Wie man jetzt auch sehen kann, passen wir auch super zusammen und das ermöglicht mir, auf einem höheren Level zu performen, was mein Ziel war. Ich habe in Gießen gut gespielt, aber das ist natürlich eine andere Situation, gerade weil wir jetzt auch international gespielt haben. Außerdem haben wir um die Meisterschaft bis zum letzten Spiel mitgespielt. Das waren viele neue Eindrücke für mich in dieser Saison.




In Berlin hast du von Anfang an aufgedreht und hast an deine Werte aus Gießen angeknüpft und diese sogar nochmal verbessert. Joshiko Saibou wurde von Telekom Sport in einer Live-Übertragung sogar als bester 6. Mann der Liga bezeichnet. Würdest du sagen, dass du deinen Spielstil in Berlin verändert hast?

Meiner Meinung nach habe ich meinen Spielstil schon weitestgehend beibehalten. Er harmoniert sehr gut mit der Art, wie wir hier Basketball spielen wollen – gerade von Coach Aito gelenkt. Aber ich habe mich trotzdem, wie alle anderen Spieler bei uns auch, dank unseres super Coaching-Teams immens weiterentwickelt. Gerade auf taktischer Ebene, aber auch in Bezug auf meine Basketballfähigkeiten. Also insgesamt habe ich meinen Spielstil schon beibehalten, aber trotzdem eine Menge daran geschliffen und verbessert.

Sprung auf internationales Parkett

Du hast gerade Coach Aito angesprochen. Wie ist es mit ihm zusammen zu arbeiten?

Für mich ist es ein Segen. Es macht unglaublich viel Spaß mit ihm zu arbeiten, weil er so eine positive Art hat und wie er den Basketball liebt, ist wirklich beeindruckend. Es war so, dass wir jeden Tag eine Menge trainiert haben und dabei aber auch viel Spaß hatten. Damit kann man viele Ziele erreichen.

In dieser Saison hast du auch das erste Mal international gespielt. War das eine große Umstellung für dich, wenn auf einmal mehr Spiele in einer Saison gespielt werden als die Jahre zuvor?

Am Anfang musste ich mich natürlich schon daran gewöhnen. Zum einen wegen der körperlichen Belastung. Aber auch mental ist es ganz anders, wenn man nicht mehr einmal in der Woche performen muss, sondern direkt drei Tage später und dazwischen noch zwei Flüge und anstrengende Reisen hat. Ich habe mich jedoch glücklicherweise relativ schnell daran gewöhnt. Bei mir kam dann relativ schnell auch die Nationalmannschaft dazu, wodurch ich in kurzer Zeit sehr viele neue Einblicke erhalten habe. Beides war für mich eine super Erfahrung und mein Körper und mein Geist haben sich auch schnell akklimatisiert. Mittlerweile kann ich mir das schon nicht mehr wegdenken (lacht). Als Sportler spielt man natürlich auch lieber, als dass man trainiert. Wenn man viele Wettkämpfe und Spiele hat, dann kann man natürlich auch schnell etwas wieder vergessen machen, was man eventuell nicht so gut gemacht hat in einem vorherigen Spiel. Man muss immer weitermachen und das zeichnet gute Sportler auch aus.

Wenn man „Joshiko Saibou“ in Google eingibt, erscheint bei den ersten Suchergebnissen auch ein Artikel über deine Disqualifikation während des Spiels gegen den FCBB. Bis dahin hast du ein super Spiel abgeliefert. Fandest du die Entscheidung damals gerechtfertigt, dass du disqualifiziert und für ein Spiel gesperrt wurdest?

Ich habe diese Entscheidung nicht verstanden. Aber das ist jetzt Geschichte und sollte nicht überbewertet werden. Man muss dabei bedenken, dass die Bayern zuvor nach dem Aus im EuroCup eine sehr emotionale Woche hatten. Man hat es den Spielern angemerkt, dass sie mental an der Grenze waren. Ich kenne Reggie persönlich gut und möchte nichts Schlechtes über ihn sagen.

Joshiko Saibou und Reggie Redding

Die Szene zwischen Reggie Redding und Joshiko Saibou sorgte für Gesprächsstoff (Foto: dpa)

Höhepunkt? – Der kommt erst noch!

Ihr habt eine grandiose Saison gespielt und es bis ins Playoffs-Finale geschafft, was euch nicht jeder vor der Saison zugetraut hat. Hast du mit diesem Verlauf gerechnet oder war es für dich selbst etwas überraschend?

Ich hatte keine wirklich klare Vision, wo es hingehen könnte. Fast alle Spieler der Mannschaft waren neu und wir waren ein sehr junges Team. Da ist es natürlich immer schwer eine Prognose abzugeben. Während der Saison jedoch haben wir dann schon gemerkt, dass es echt gut fruchtet, dass alle die Philosophie annehmen und, dass wir als Team einfach super gut zusammenspielen. Zusätzlich hatten wir Talent in der Offensive, welches für gegnerische Teams schwer ausrechenbar war. Umso länger die Saison fortgeschritten ist, haben wir natürlich schon gemerkt, dass wir zu den besten Teams in der Liga gehören. Letztendlich hat man es ja dann auch bis zum Ende gesehen.

Ihr wart dem Sieg der deutschen Meisterschaft zum Greifen nah. An was hat es im entscheidenden Spiel 5 gelegen, dass es für euch letztlich nicht gereicht hat?

Zunächst einmal hat man gesehen, dass Heimrecht definitiv etwas ausmacht. Ich glaube, dass war echt wichtig im letzten Spiel. Es war natürlich schon so ein ganz klarer Kampf von Athletik und statischem Spiel gegen sehr freies Spiel und dem Versuch schnell zu spielen. Aber ich glaube letztendlich hat Bayern am letzten Tag einfach mehr Energie aufs Spielfeld gebracht und in allen Bereichen besser gespielt als wir.   

Denkst du, dass du bei ALBA nun an deinem Höhepunkt angekommen bist oder hast du noch weitere Ziele in deiner Karriere?

Nein, also Höhepunkt würde ich nicht sagen. Wie bereits erwähnt ist es mein Ziel, als Basketballer so gut wie möglich zu werden. Jetzt habe ich wieder ein paar Schritte nach vorne gemacht, so wie die Jahre zuvor auch. Es wird weitergehen, in welcher Form kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber ich hoffe, dass ich mich als Basketballspieler weiterentwickeln kann, woran ich auf jeden Fall viel arbeite. Wenn ich ein gutes Team habe und vor allem auch gute Trainer, mit denen ich arbeiten kann und die verstehen, was meine Ziele sind und was ich weiterentwickeln möchte, dann wird sich zeigen, wo es endet. Spezielle Ziele in meiner Karriere habe ich so konkret noch nicht formuliert. Aber wenn ich mich als Spieler weiterentwickle, möchte ich einmal EuroLeague spielen. Ideal wäre es natürlich gewesen mit Berlin dort zu spielen, was leider kommende Saison ja nicht klappt. Aber wer weiß, wie es nächstes Jahr aussieht. Es wäre natürlich schon super schön mal in der EuroLeague zu spielen.

Der „Saibou-Shake“

Was war in deinen Augen die größte Überraschung in dieser Saison?

In den Playoffs hat mich auf jeden Fall Oldenburg überrascht. Sie haben eine sehr starke Viertelfinal-Serie gegen uns gespielt. Also großen Respekt dafür an dieser Stelle nochmal. Bis zur letzten Sekunde mussten wir um den Einzug ins Halbfinale kämpfen, was glaube ich auch nicht unbedingt viele Leute so erwartet hatten. Das war wirklich eine tolle Playoff-Serie, die aber auch viel Kraft gekostet hat.

Seit einiger Zeit hast du den „Shake“ vor jeden Freiwurf zu deinem Markenzeichen gemacht. Wie kam es ursprünglich zu dieser Geste?

Freiwürfe sind ja überwiegend ein mentales Ding. Ich hatte in der Mitte der Saison ein paar Spiele, in denen ich nicht so gut getroffen habe. Deshalb habe ich meine Routine etwas verändert. Es hat mit einem leichten Lockern der Schultern angefangen, was gut funktioniert hat. Daraus hat sich die Geste dann entwickelt. Ich muss sagen, dass es seitdem wirklich gut funktioniert.




Hat deine Rückennummer eine bestimmte Bedeutung für dich?

Für mich war es symbolisch dafür, dass ich immer einen Schritt weitergehen möchte und das auch immer beibehalten möchte. Ich versuche generell immer einen Schritt aus meiner Komfort-Zone herauszugehen, damit ich daran wachsen kann. Das war schließlich auch der Grund für meine Rückennummer.

Wie verbringst du deine Off-Season bis die Saisonvorbereitung wiederbeginnt?

Es wird auf jeden Fall erst einmal Urlaub anstehen. Vermutlich werde ich ein paar Termine in Berlin haben, aber ich werde definitiv wegfliegen. Wohin weiß ich aber noch nicht genau. Es steht schon fest, dass ich meine Familie in Togo besuchen werde, aber ansonsten habe ich noch keinen Plan für den Sommer. Ich werde versuchen etwas Pause zu bekommen, aber dann wahrscheinlich auch schon wieder relativ schnell an meinen Fähigkeiten arbeiten.

Vielen Dank für das angenehme Gespräch!

Offseason-Anruf bei Tez Robertson

Science City und Fritz Mitte – Hier fühle ich mich wohl!

zurück    

Lass auch du unser Herz höher schlagen: