Vom Assistenten zum Trainer des Jahres – so liest sich die junge Erfolgsgeschichte des erst 35-jährigen Spaniers Pedro Calles. In seiner ersten Saison als Chefcoach führte er den Aufsteiger RASTA Vechta sensationell souverän in die Playoffs und beeindruckte die ganze Liga mit Vollgas-Basketball von der ersten bis zur letzten Minute. In unserem Interview verriet er uns, wie er nach Deutschland kam, was seine Mannschaft so erfolgreich macht und wie er zu Trainer-Legende Aito steht.

Von der Theorie zur Praxis

Herr Calles, wenn Ihnen jemand vor der Saison erzählt hätte, dass RASTA Vechta das Playoff-Halbfinale erreicht und Sie zum „Trainer des Jahres“ ernannt werden – was hätten Sie geantwortet?

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht. Ich habe vor der Saison nie an die Playoffs oder an den Titel des „Trainers des Jahres“ gedacht. Das einzige, woran ich gedacht habe, war die Mannschaft während der Saison stetig besser zu machen.




RASTA Vechta ist Ihre erste Station als Headcoach. Wann wussten Sie, dass Sie bereit sind für den nächsten Schritt in Ihrer Karriere?

Da gab es keinen bestimmten Zeitpunkt, es war eher ein Prozess. Ich habe einige Jahre als Assistenz- und Athletiktrainer gearbeitet. Irgendwann kam RASTA Vechta auf mich zu und hat mir den Posten des Headcoaches angeboten. Nach ein paar Tagen Bedenkzeit habe ich mich entschieden, das Angebot anzunehmen.

Sie haben bereits erwähnt, dass Sie zuvor einige Zeit als Assistenz- und Athletiktrainer tätig waren. Was ist der Unterschied zum Job eines Headcoaches?

Die zwei größten Unterschiede sind das Zeitmanagement und die Entscheidungsfindung. Als Headcoach leite ich nicht nur eine Mannschaft, sondern eine ganze Organisation. Dazu gehört es auch über Spielerverpflichtungen oder die Anreise zu den Auswärtsspielen zu entscheiden.

Mission Auswärtsfahrt erfolgreich beendet (Foto: imago images)

Sie sind einer der wenigen Trainer, die selbst nie professionell Basketball gespielt haben. Wie kam Ihre Begeisterung für Basketball zustande?

Ich bin ein Junge aus dem Süden Spaniens. Seitdem ich denken kann, habe ich mich für Basketball interessiert. Ich bin quasi mit dem Sport aufgewachsen, denn mein großer Bruder hat immer Basketball gespielt. Als ich mit 18 Jahren anfing zu studieren, war Basketball meine Leidenschaft und Sportwissenschaft das Fach, das es mir ermöglichte, mit meiner Leidenschaft in Kontakt zu bleiben. Dass ich einmal Headcoach werde, daran hatte ich damals noch nicht gedacht, aber ich wollte unbedingt mein Wissen in die Praxis umsetzen.

Was genau fasziniert Sie am Basketball?

Vor allem, dass es ein Teamsport ist. Es geht nicht um einen einzelnen Akteur, sondern um eine ganze Mannschaft. Dazu gehören gute zwischenmenschliche Beziehungen. Zum anderen gefällt mir die Schnelligkeit. Basketball ist ein Spiel der Läufe. Das Momentum kann sich innerhalb weniger Sekunden komplett ändern.

Auf den Spuren von Aito Reneses

Herr Calles, lassen Sie uns noch ein wenig über die Anfänge Ihrer Karriere sprechen. Sie sind 2012 nach Deutschland zu den Artland Dragons gewechselt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich habe zuerst einen Anruf vom Manager aus Quakenbrück erhalten. Er sagte mir, dass der Verein auf der Suche nach einem neuen Athletikcoach sei. Ich habe dann einige Gespräche mit Stefan Koch, dem damaligen Cheftrainer, geführt. Er lud mich schließlich persönlich nach Deutschland ein. Ich hatte sofort ein gutes Gefühl dabei und die Entscheidung fiel mir leicht.

Was wussten Sie von der BBL und dem deutschen Basketball zu dieser Zeit?

Das erste, was ich vom deutschen Basketball mitbekam, war der Gewinn der Europameisterschaft 1993. Das Turnier habe ich nämlich im Fernsehen verfolgt. Ein paar Jahre später hat mein Bruder in Bamberg studiert und mir viel Positives über den dortigen Verein berichtet. Und dann waren da noch die Auftritte von Brose Bamberg in der Euroleague unter Chris Fleming. Ich erinnere mich an die Spiele gegen Barcelona oder Valencia. Das waren meine letzten Eindrücke vom deutschen Basketball, bevor ich hierher kam.

Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Inspiration als Trainer?

Ich denke, die Entwicklung eines Spielers oder Trainers findet primär im Kopf statt. Jeder Tag, an dem du aufwachst und dich nicht verbessern willst, ist ein verlorener Tag. Ich persönlich schaue mir Spiele an, besuche aber auch „Coach Clinics“ oder führe Gespräche mit Kollegen in ganz Europa. Gerade der Austausch mit anderen Trainern hilft mir, meinen eigenen Basketballstil zu entwickeln.




Neben Ihnen gibt es noch einen weiteren Trainer aus Spanien in der BBL, Aito Garcia Reneses von Alba Berlin. Er gilt als DIE Basketball-Legende in Ihrem Heimatland. Manche Beobachter meinen sogar, er hätte bei ALBA Berlin einen „spanischen“ Spielstil etabliert. Wie schätzen Sie seinen Einfluss ein?

Wenn wir von spanischen Trainern sprechen, dann muss tatsächlich ein Name unweigerlich auf den Tisch, und das ist der von Aito Garcia Reneses. Er ist seit 40 Jahren im Geschäft und war seinen Kollegen stets einen Schritt voraus. Ich kann mich noch erinnern, wie er in den 80er und 90er Jahren Dinge eingeführt hat, die heute zum Basketballstandard gehören. Und ich bin mir sicher, dass der Stil, den er heute spielen lässt, in zehn Jahren genauso dazu gehören wird.

Herr Calles, wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu ihm?

Ich habe ihn nur zweimal in meinem Leben getroffen. Aber er ist für mich ein Lehrer, der immer nach vorne denkt. Ich hatte das Glück und durfte an Trainingseinheiten und Schulungen von ihm teilnehmen. Viele ehemalige Assistenten von Coach Aito sind Cheftrainer geworden. Man kann seine Handschrift also nicht nur bei ALBA wieder erkennen, sondern auch in anderen Mannschaften.

Wenn du Orangen bekommst, mach Orangensaft daraus

Kommen wir zu RASTA Vechta und der aktuellen Saison. Ihr Team nimmt die meisten Dreier der Liga. Auch bei den Steals und Assists ist Ihre Mannschaft vorne dabei. Inwiefern spiegelt das Ihren persönlichen Basketballstil wider?

Ich glaube, dass man mit aggressiver Verteidigung mehr erreichen kann, als wenn man versucht, den Gegner einzudämmen. Wir wollen unseren Korb nicht einfach nur beschützen, wir wollen aggressiv sein. So bin ich vielleicht auch ein bisschen als Person. Die vielen Dreier hingegen spiegeln die Stärken unserer Spieler wider. Wenn du Orangen bekommst, mach Orangensaft daraus. Das war immer mein Motto als Trainer und das versuche ich auch bei RASTA umzusetzen. Sobald ich meine Spieler gut genug kannte, habe ich einen Spielstil entwickelt, der am besten zu ihnen passt.

RASTA Vechta hat schon einmal in der BBL gespielt, nämlich in der Saison 2016/17. Damals musste der Verein allerdings nach nur einem Jahr wieder in die Pro A absteigen. Sie haben den Abstieg als Assistenztrainer miterlebt. Welche Lehren haben Sie aus der damaligen Saison gezogen?

Die wichtigste Lehre war, dass Charakter mehr zählt als Talent. Es gibt sehr viele talentierte Spieler auf dem Markt, aber nur sehr wenige mit einem gutem Charakter. Das war unser Fokus bei den Spielerverpflichtungen vor dieser Saison. Im Abstiegsjahr wollten wir zu viel auf einmal. Da ich sozusagen beide Seiten der Medaille kenne, kann ich das sagen. Dieses Jahr wollten wir nicht identische Fehler begehen, sondern einen Schritt nach dem anderen machen.

Wie groß ist der Anteil von T.J. Bray am Erfolg von RASTA Vechta in dieser Saison?

Der ist sehr groß. Natürlich hat jeder Spieler einen Anteil am Erfolg dieser tollen Mannschaft, denn jeder Spieler füllt eine bestimmte Rolle im System aus. Was jedoch T.J. Bray angeht, so habe ihn schon die letzten zwei, drei Jahre verfolgt. Für mich war im Sommer klar, dass er auf meiner Wunschliste ganz oben steht. Seine Fähigkeiten auf dem Court, seine Arbeitseinstellung, sein Einsatz in der Defense, seine Art mit seinen Mitspielern zu sprechen, all das macht ihn zu einem besonderen Spieler für mich.

Und noch eine letzte Frage: wer wird deutscher Meister?

Bayern München war bislang sehr dominant. Aber auch Berlin und Oldenburg sind stark. Vor allem Oldenburg sollte einen Vorteil haben, da sie keine europäische Belastung hatten. Ich denke, es wird am Ende ein sehr enges Rennen.

Herr Calles, vielen Dank für das nette Gespräch. (06.06.2019)

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